Gasthaus Löwen

Gasthaus Löwen

  • 14. November 1932. Gründung der Weingärtnergenossenschaft

    () Niederstetten, 14. Nov. Eine recht ansehnliche Versammlung von Weingärtnern von hier und den umliegenden Ortschaften füllte gestern den Löwensaal. Zwei Momente hatten anziehend gewirkt. Erstens der bedeutsame Punkt der Tagesordnung, welcher sich auf die Gründung einer Weingärtnergenossenschaft bezog. Dann die erfreuliche Tatsache, daß nach langer Zeit wieder einmal Herr Oekonomierat Mährlen, Vorstand der Weinbauschule Weinsberg, in der Mitte der Weingärtner weilen und aus seinen reichen Erfahrungen schöpfen wollte. - Auch unser Oberamtsvorstand Herr Landrat Wöhrle bekundete sein Interesse durch seine Anwesenheit. – Herr Bürgermeister Schroth eröffnete und begrüßte die Versammlung, die Redner, die Gäste und erteilte dann Herrn Oekonomierat Mährlen das Wort. Herr Oekonomierat Mährlen machte ungefähr folgende Ausführungen: „In der Schädlingsbekämpfung stehe der Weingärtner nicht mehr so verlassen da, wie früher. Die Fortschritte der Chemie und Technik kommen ihm zu Gute, und wenn alle Erfahrungen auf diesem Gebiete angewandt werden, kann man von der Rebe auch heute noch schöne Ernten und gute Renten erzielen. Die Frage, ob es zweckmäßig sei, in Württemberg den Weinbau auszudehnen, bejahte der Redner. Der württ. Weinbau werde von anderen deutschen Weinbaugebieten beneidet, besonders deshalb, weil der Württemberger gewöhnt ist, seine im Lande gebauten Weine zu trinken und gut zu bezahlen. Württemberg erzielt daher auch die besten Durchschnittspreise. Die württ. Weine genügen mengenmäßig für das Land nicht, es muß daher eingeführt werden. Aus diesem Grunde brauchen wir keine Angst haben, daß unsere Anbaufläche zu groß ist. In Niederstetten und Oberstetten gebe es noch viele brachliegende Stücke, welche sich zur Anpflanzung eignen. Für den Weinbau scheinen ohnedies bessere Zeiten zu kommen. Es ist die Möglichkeit vorhanden, daß Amerika „naß” wird, die Süßmostbereitung erschließt weiteren Absatz und auch die Beschickung des Marktes mit deutschen Trauben trägt dazu bei. - Gegen 12 Genossenschaften im Jahre 1904 zählt Württemberg heute 45 Weinbaugenossenschaften. Ursprünglich standen Wirte und Handel ihnen feindlich gegenüber. Nach und nach hat sich das Vertrauen der Käufer gefestigt, weil das Publikum den Wert einer guten und sauberen Behandlung unter der Kelter schätzen lernte. Ein großer Vorteil in schlechten Jahren liegt darin, daß die Genossenschaften den Wein besser lagern und die günstigste Zeit zum Verkauf wahrnehmen können. Bei der Neuanlage empfahl der Redner die hier im Allgemeinen eingeführten Sorten und sprach ein Wort für die „Riesling Sylvaner, Müller Thurgau", welche er als schnellwüchsige, gute Ernsten bringende Rebe empfahl. Wichtig sei die züchterische Auswahl durch Bezeichnung der besten Bestockung. Für das Emporbringen junger Reben sei es wichtig, daß sie bis in den Herbst hinein (bis zu 12 Mal) gespritzt werden. - Die Meinung unserer Altvordern – je mehr Stöcke, desto mehr Wein - ist falsch. Es ist besser, die Stöcke sitzen weiter und die Sonne hat Zutritt. Nicht die Stockzahl bringt den Ertrag, sondern die Pflege. Die Pflege des Jungfeldes ist wichtig. Bei Verwendung von Torfmull muß dieser angefeuchtet werden. Der Kunstdüngung muß unbedingt Stalldüngung beigegeben werden. Am Schlusse seiner mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen, verlieh Herr Oekonomierat Mährlen der Hoffnung Ausdruck, daß die geplante Neugründung dem hiesigen Weinbau zum Segen gereichen möge. - Nach Worten des Dankes an Herrn Oekonomierat Mährlen, ging Herr Bürgermeister Schroth zum zweiten Teil der Tagesordnung über, Gründung der Weingärtnergenossenschaft. Die Gelegenheit, ein günstiges Objekt erwerben zu können, welches ohne zu große Kosten eingerichtet werden könne, mache diese zur Tagesfrage. Herr Bürgermeister Schroth begrüßte dann die Vertreter der umliegenden Orte und gab einen Ueberblick über die Vorgeschichte der Gründung. - Dann sprach Herr Dr. Glotz-Stuttgart, über die Kosten und Einrichtung einer Genossenschaft. Selbstverständlich müsse man sich darauf gefaßt machen, daß im Anfang manche Widerwärtigkeiten zu überstehen sind. Eine Genossenschaft habe auch nicht den Zweck, daß der Einzelne möglichst viel verdient, sondern, daß der Einzelne durch die Gesamtheit gehoben wird. Der Redner rechnet mit Einrichtungskosten von 50 000 RM. (einschl. Gebäude). Hierzu stellt die Zentralstelle ein Darlehen zu eineinhalb Prozent Zins im Betrage von 20 000 RM. zur Verfügung. 30 000 RM. wären anderwärts aufzunehmen. Es sei immer besser, die Rechnung im Voraus etwas ungünstiger anzunehmen. Es sei nötig, die Anteile nach der Größe der bebauten Fläche des einzelnen Mitgliedes einzuteilen, wobei auf das Ar 4,50 RM. Anteil kämen. Dieser Anteil brauche aber nicht auf einmal bezahlt werden, sondern würde in kleinen Beträgen nach und nach eingezogen, - Für das aufgenommene Kapital müs-se natürlich eine Sicherheit geleistet werden und diese liege in der Haftpflicht der Mitglieder. Damit kam der Redner zu der Frage der Form, in welcher die Genossenschaft gegründet wer-den solle. Von den 45 Genossenschaften in Württemberg sind 34 mit beschränkter Haftpflicht, 11 mit unbeschränkter Haftpflicht. Bei beschränkter Haftpflicht käme eine Summe von 9-12 RM. pro Ar in Betracht. Der Redner empfiehlt von seinem Standpunkt die „G, m. b. H." Für Verzinsung, Amortisation (Kapitalrückzahlung) und Betriebsabschreibungen wären im ersten Jahr RM. 7450.- erforderlich. Dieser Betrag würde von Jahr zu Jahr geringer wer-den und in absehbarer Feit wäre die Genossenschaft schuldenfrei. Die Kündigungsfrist der Mitglieder müsse ein Jahr sein. - Herr Dr. Klotz hatte seine Ausführungen durchaus nur auf das Sachliche eingestellt und gab klar und deutlich ein Bild von Rechten und Pflichten der Mitglieder und der verschiedenen Genossenschaftsformen. Lebhafter Beifall dankte ihm. - Nach dem Referat des Herrn Klotz kam die Gründung der „Weingärtnergenossenschaft Niederstetten m. u. H." zu stande. Die Wahlen ergaben: Vorstand: Bürgermeister Schroth, Rechner Bankfiilialvorstand Schuster. Damit hat sich ein wichtiger Vorgang in der Entwicklung unseres hiesigen Weinbaus vollzogen. Es muß gesagt werden, daß die Form der Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht in der Versammlung manche Bedenken entgegenstanden. Wir wollen aber hoffen, daß eine Haftpflicht nie in Frage komme und daß die neugegründete Genossenschaft allen Mitgliedern den erhofften Erfolg bringe.

    () Niederstetten, 14. Nov. In seiner letzten Sitzung setzte der Gemeinderat den Durchschnittspreis für den neuen Wein auf 147 RM. per 300 Liter (württ. Eimer) fest.

    (Vaterlandsfreund, Nr. 268, 15. 11. 1932)

  • 16. Oktober 1932. Wahlveranstaltung mit Vortrag "Nationale Wirtschaft"

    Niederstetten, 16. Okt. In der ersten Wählerversammlung dieses Wahlkampfes hielt gestern abend im Löwensaale Wirtschaftsminister Dr. Maier einen Vortrag über „Nationale Wirtschaft“. Der Redner wies einleitend auf seine Bemühungen hin, während seiner Amtstätigkeit immer mit dem flachen Lande in Berührung zu sein, um die jeweiligen Erfordernisse der heimlichen Wirtschaft, sei es in Gewerbe oder in Landwirtschaft zu erkennen und vertreten zu können. Dabei sei in erster Linie die Vielfältigkeit der Erzeugnisse in Württemberg zu beachten. Württemberg sei heute noch eine glückliche Mischung von Industrie- und Landwirtschaftsstaat. Auch das Gewerbe sei noch bedeutend stärker als im Reichsdurchschnitt. Während im Reichsdurchschnitt auf 1900 Einwohner 22 Gewerbetreibende kommen, entfallen in Württemberg auf 1000 Einwohner 32 Gewerbetreibende, worunter zunächst Kleingewerbetreibende zu verstehen sind. Die Industrie zeige auch keine einseitige Verteilung. Es würden vielmehr aller möglichen Dinge hergestellt, so daß, wenn eine Industrie weniger beschäftigt sei, immer noch andere Industrien zu tun haben, Deshalb stehe Württemberg mit der Zahl seiner Arbeitslosen weit unter der norddeutschen Zahl. Aehnlich seien die Verhältnisse in der Landwirtschaft. Während bei uns der Großgrundbesitz weniger in Erscheinung trete, seien im deutschen Osten Güter von 20-40 000 Morgen sehr häufig. Eine so verschiedene Artung der Berufsstände erfordere natürlich auch andere wirtschaftliche Maßnahmen. Deshalb sei auch das Großagrariertum gegen das notwendige Siedelungswesen. So wurde bei der Landwirtschaft bis jetzt durch die norddeutschen Agrarier der Hauptwert auf hohe Getreidepreise gelegt, während die vielseitige württembergische Veredelungswirtschaft fast gar nichts erreicht hat. Und jetzt, wo durch die Kontingentierung etwas dafür getan werden soll, geschieht es so zur Unzeit, daß wir überall Handelsschwierigkeiten bekommen. Ein Grundfehler aller Wirtschaftspolitik in Deutschland liege daran, daß alle Wirtschaftspolitik unter dem Drucke der Parteipolitik stehe. Die Wirtschaftspolitik müsse aus der Parteipolitik herausgehoben werden. Noch ein anderes müsse geschehen. Der 13. Juli 1931 habe gezeigt, daß unsere Wirtschaft unter dem unsinnigen Anwachsen einiger Unternehmungen fast zu Grunde gegangen sei. Die Bankenstützung habe nicht wegen der Bankaktionäre erfolgen müssen, sondern deshalb, weil sonst 40 Prozent der deutschen Wirtschaft, welche mit den 4 Großbanken auf das innigste verbunden war, vernichtet gewesen wäre. Die deutsche Wirtschaft müsse also von dem ungesunden Anwachsen der Großkonzerne befreit werden. Das Wirtschaftsprogramm der jetzigen Reichsregierung müsse unterstützt werden. Das Volk hat genug von Ministerstürzerei. Wenn aber die NSDAP die Regierung Papen bekämpfe, so müsse doch daran erinnert werden, daß, als Papen zum erstenmale zur Ministerkonferenz nach Stuttgart gekommen sei, er nur von den Nationalsozialisten am Bahnhof begeistert empfangen worden sei. Ein Grundfehler der heutigen Volksvertretungen sei es, wenn die Abgeordneten einer Partei anstatt, daß der einzelne nach seinem Gewissen abstimmen kann, vor der Abstimmung auch in wirtschaftlichen Dingen erst nach München anfragen muß, wie er abstimmen solle. Wenigstens sei heute gewiß, daß das Schicksal des Reiches nicht in die Hände eines Mannes u. einer Partei gelegt werde. Wenn jetzt auch wieder monarchistische Bestrebungen zum Vorschein kommen, so müsse doch gefragt werden, was die Revolution von 1918 gewesen sei. Es war die Flucht aller verantwortlichen Träger der damaligen Staatsgewalt. Es müsse auch gefragt werden, ob die vielen kleinen Potentaten den Verlockungen etwaiger Sondervergünstigungen so stand gehalten hätten wie die Republik und ob so die politische und wirtschaftliche Einheit des Deutschen Reiches erhalten geblieben wäre. Zu den Notwendigkeiten der Innenpolitik in Deutschland rechnete Herr Wirtschaftsminister Maier die Schaffung kleinerer Wahlkreise, um wieder persönliche Beziehungen zwischen den Wählern und den Abgeordneten herstellen zu können. Gegen die Nationalsoz. polemisierte er auch darüber, daß sie zuerst das Zentrum als die „schwarze Pest“ bezeichnet hätten und nachher gemeinsame Verhandlungen mit dem Zentrum gepflogen hätten. Herr Minister Maier sprach ruhig, sachlich und leidenschaftslos. Er erklärte, daß er sich als Kandidat für den Reichstag zur Verfügung gestellt hätte, daß er aber keinen anderen Zwang zur Abstimmung kenne, als sein eigenes Gewissen. Immerhin hat Herr Minister Maier gezeigt, daß das Bürgertum nicht allein auf die extremen Parteien angewiesen ist, sondern daß die Mittelparteien mit gutem Gewissen für das Beste des Volkes zu sorgen bereit sind.

    (Vaterlandsfreund, Nr. 244, 16. 10. 1932)

  • 20. Dezember 1934. Vortrag der NSDAP - Kreisgeflügelausstellung

    Niederstetten, 20. Dez. (Vortrag der NSDAP.) Am 14. Dezember sprach Gaufunkwart Oberstleutnant v. Stockmayer im Löwensaal über die z. Zt. brennenden Fragen. Die gut besuchte Versammlung spendete dem hier wohlbekannten Redner nach seinen präzisen, zu Herzen gehenden Ausführungen wohlverdienten Beifall.

    Niederstetten, 20. Dez. (Kreisgeflügelausstellung.) Am 16. und 17. Dezember fand in der Turnhalle die Kreisgeflügelausstellung statt. Ausgestellt waren: 58 Nummern Einzeltiere (Hühner, Enten und Gänse), 55 Stämme zu 1,2 und 1,3 (Hühner, Enten und Gänse). 125 Nummern Tauben. Die Qualität der Tiere war nach Ansicht der Preisrichter als sehr gut zu bezeichnen. Der Aufbau der Ausstellung war sehr schön. Der Besuch derselben gut und auch der Nichtfachmann konnte sich an den prächtigen Tieren erfreuen. Preise erhielten:
    1 Zuchtpreis der Reichsfachgruppe: Fr. Bullinger-Niederstetten auf Hühner (Barnefelder).
    1 Reichsfachgruppenehrenpreis: Fr. Bullinger-Niederstetten, auf Barnefelder Hahnen; G. Kühner-Bartenstein auf Tauben (0,1 Silberschuppen)
    Landesfachgruppenpreis auf Hühner: Fr. Ehrmann-Gerabronn, (1,3 Leghorn, weiß); Fr. Ley-Eichenau, (1,0 Italiener, silberf.).
    Auf Tauben: K. Streitberger-Niederstetten, (1,0. Türken); R. Kammleiter-Schrozberg, (0,1 Schönheitsbrieftauben).
    Außerdem wurden noch an die Aussteller vergeben: 2 Ehren-Preise zu je 10 RM., 6 Zuschlagspreise zu 5 RM., 9 Zuschlagspreise zu 3 RM. und 10 zu 2 RM. Für die Qualität der ausgestellten Tiere spricht das Vorhandensein von 88 „sehr gut" Tieren. Als Abschluß fand eine Tauben- und Kleintierbörse statt, bei welcher sich lebhaftes Interesse zeigte.

    Der Franke, Nr. 296, 20. 12. 1934

  • 22. Januar 1932. Versammlung des Württ. Bauern- und Weingärtnerbundes

    ( ) Niederstetten, 22. Jan. Im Löwensaale fand heute eine gutbesuchte Versammlung des Württ. Bauern- und Weingärtnerbundes statt, welche wohl als Auftakt zu den Landtagswahlen aufzufassen war. Referent war Herr Reichstagsabgeordneter Haag-Heilbronn. Herr Lagerhausverwalter Glaser eröffnete und begrüßte die Versammlung, welche er auch weiterhin mit größter Umsicht leitete. Herr Reichstagsabgeordneter Haag führte satzungemäß ungefähr folgendes aus: Wir leben in entscheidungsvoller Zeit, denn jeder weiß, daß es so nicht mehr weitergehen kann. In der Vorkriegszeit brachte die Reichsgründung eine ungeahnte Entwicklung. Die emporblühende deutsche Wirtschaft wurde Konkurrentin der Engländer und hat diese sogar auf ihren ureigensten Gebieten überflügelt. In führenden Kreisen der Politik und Wirtschaft hörte man, wir seien über unsere früheren Verhältnisse hinausgewachsen. Der Kaiser sagte: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“ und Pfarrer Neumann erklärte, wir müßten den Ackerbau den niederen Völkern überlassen. Es ist aber nicht so, als ob der Kaiser und seine Ratgeber auf den Krieg hingearbeitet hätten, man sprach vielmehr von einer friedlichen Eroberung der Welt. Aber unsere Gegner verfolgten Ziele, welche nur durch einen Krieg erreichbar waren. England wollte seinen Konkurrenten vernichten, Frankreich wollte Elsaß-Lothringen und Rußland wollte den Ausgang zu den südlichen Meeren. Diesen Existenzkampf hat das deutsche Volk 1914 erkannt. Aber wir waren nur kurze Zeit ein einiges Volk. Klassen- und Parteiinteressen hätten dann über die Volksinteressen gesiegt und so sei der Krieg verloren gemacht worden. Die größte Dummheit sei dann 1918 im November der Waffenstillstand gewesen, welchem zwei Tage später die Revolution gefolgt sei. Man hat uns dann Waffenstillstand und Frieden diktiert. Das deutsche Volk hatte nicht erkannt, was passiert war, es hat an bessere Zeiten, Friede, Arbeit und Brot geglaubt, Heute herrsche Unfriede und Unfreiheit innen und außen. Wir hatten aber die Rohstoffbasis der Kolonien, deutsches Land im Osten und Westen, 20 Milliarden Auslandsguthaben, die Handelsflotte, das Kali im Elsaß und die Mineite in Lothringen verloren. Dann kam die Inflation und damit der Verlust des angesammelten deutschen Volksvermögens. Die große Not der Wirtschaft rührt daher, daß kein eigenes Betriebskapital vorhanden ist. Die Sozialdemokratie erreichte ein politisches Ziel mit dem Sturz der Monarchie. Wenn aber die rechten Männer an der Spitze sind, könne sowohl die eine als auch die andere Regierungsform gut sein. Die Sozialdemokratie verfolgte aber auch ihre inneren Ziele wie z. B. die Vergesellschaftlichung der Produktion. Der Dawesplan brachte keine Ankurbelung der Wirtschaft. Freilich, Schulden konnten wir aufnehmen, aber auf die Dauer könne eine Familie nicht mehr verbrauchen als was sie verdiene. Dies gelte auch von Volk und Volkshaushalt. Das war aber in den letzten Jahren in Deutschland der Fall und jetzt sind wir am Ende, weil nichts mehr zu verpfänden ist. Nun kommen die Entscheidungen, ob so weitergewirtschaftet werden oder ob das Steuer herumgeworfen werden soll. Durch den verlorenen Wirtschaftskrieg sei Deutschland vom Weltmarkt verdrängt. Ueberall herrsche das Streben nach nationaler Volkspolitik, dazu gehöre: Erstens Selbsternährung, zweitens: Ausgebaute Industrie auf allen Gebieten mit Ausnahme der Luxusindustrie unter Ausnützung eigener Rohstoffe und Arbeitskräfte. Daher rühre die Absperrung der Welt gegen unsere Industrieerzeugnisse. Wir müßten daher selbst Binnenwirtschaft treiben und deren wichtigster Zweig sei die Landwirtschaft. Erste Voraussetzung für die Befreiung sei Aufbau der Landwirtschaft und Hebung der Bodenständigkeit. Zur Entscheidung stehe die Frage, ob Deutschland nationale oder internationale Politik treiben solle. Wir leben heute in der Zeit der erwachenden Nationen und überall sei diese Frage im nationalen Sinne gelöst. Wir müssen verlangen, daß unsere Vertreter in Genf oder sonstwo ebenso national handeln wie unsere Gegner. Die Arbeiter wären irregeführt worden, Die Verwaltungskosten des deutschen Volkes seien zu hoch und ständen im Mißverhältnis zu seinem Ertrag. Es komme auf eine Steigerung dieses Ertrages mit allen Mitteln und Sparsamkeit bis zum äußersten an. Dann sei die Frage der Weltwirtschaftsform umkämpft und zur Entscheidung drängend. Kommunistische Versuche wären zu allen Zeiten und überall gemacht worden, aber sie sind alle gescheitert, denn die Leistungsfähigkeit wird nur durch die Freude am Erfolg, am Besitz und an der Sorge für einen Kreis gesteigert. Unsere geschwächte feingegliederte Wirtschaft vertrage keine Experimente. Bei einer Zollunion könne kein Zweig der deutschen Landwirtschaft weiterbestehen. Die Regierung Brüning sei von Hindenburg zur Ordnung der Finanzen und zur Rettung der Landwirtschaft berufen worden und sie habe in Schiele den besten landwirtschaftlichen Fachmann gehabt. Aber dieser habe als einer unter vielen nicht mehr erzielen können, das heiße bis vorgestern „Nichts“. Demgegenüber müsse sich das Bauernvolk zusammenschließen und fordern. Das deutsche Volk, seine Wirtschaft und seine Landwirtschaft müsse aus der Erstarrung herauskommen. Nach Genf und Lausanne müßten Männer gesandt werden, welche den Mut hätten „Nein“ zu sagen und dabei zu bleiben. — Das Volk muß sich bewußt sein, daß es selbst sein Schicksal bestimmt. Hoffnung gebe das Erwachen der Jugend. Wenn wieder die Wahlen herankämen, dürfe der Bauer keine Fehlwahl treffen. Er dürfe nicht sozialistisch wählen, auch nicht wenn die Sozialisten national sind. — Der Referent fand den Beifall der Versammlung. Lagerhausverwalter Glaser sprach Reichstagsabgeordneten Haag den Dank der Versammlung aus und eröffnete die Diskussion. In der erregten Debatte sprachen zwei Nationalsozialisten gegen die Kampfweise des Bauernbundes ihnen gegenüber, wohingegen der Referent und ein anderer Redner des Bauernbundes den Nationalsozialisten die gleichen Vorwürfe machten. Von israelitischer Seite wurde die durchaus nationale Einstellung des allergrößten Teiles der deutschen Juden betont. Mit einem Schlußwort des Referenten und Dankesworten des Versammlungsleiters die zeitweise» und außerordentlich erregte, aber gegen Ende sehr ruhig verlaufene Versammlung.

    (Vaterlandsfreund, Nr. 18, 23. 1. 1932)

  • 28. Februar 1931. Vortrag über neuzeitliche Bauweise - Staatsmedaille für Rindviehzucht

    () Niederstetten, 28. Febr. Auf Einladung des Gewerbevereins hielt vorgestern Abend im Löwensaale Herr Regierungsbaumeister Gröbel-Stuttgart einen Vortrag über neuzeitliche Betonbauweise. Den Vortrag begleiteten Lichtbilder. In leicht verständlicher Weise erklärte der Redner die verschiedenen Arten der Mischungen von Beton und ging dabei besonders auf die vielen Arten von Leichtbeton ein. Er gab auch Vergleiche in Hinsicht auf die Ziegelbauweise und gab erläuternde Zahlen. Die Kosten für den Kubikmeter ummauerten Raum gab der Redner mit 22-27 M an. In Hinsicht auf Schnelligkeit, Ersparnis an Arbeitslohn und Material, Feuersicherheit, Isolierungsfähigkeit und Schalldichtigkeit sei der Betonbau dem Ziegelbau überlegen, wenn er ihn auch nie ganz verdrängen werde. Der Vortrag behandelte lediglich den Wohnungsbau. Nach dem Material wandte sich Herr Regierungsbaumeister Gröbel den verschiedenen Bauarten zu, von welchen er fünf Arten unterschied. Die Vollbauweise, die Hohlbauweise, die fugenlose Bauweise, die Bauweise unter Verwendung von Gerippen und die Plattenbauweise. Die zugehörigen Bilder zeigten die moderne Bauweise und ihre technischen Hilfsmittel. Neubauten mit riesengroßen Spritztürmen oder solche bei welchen mächtige Krahnen stockwerksgroße Platten an Ort und Stelle aufsetzen. Der ausgezeichnete Vortrag fand großen Beifall. Es wäre zu wünschen, daß Herr Regierungsbaumeister Gröbel einen weiteren Vortrag folgen ließe, in welchem ganz speziell die ländliche Bauweise in architektonischer, technischer und wirtschaftlicher Hinsicht Bearbeitung fände. Herr c sprach dem Herrn Referenten den Dank der Zuhörer sowohl für den Vortrag als auch für das zugesagte Material zu der Materialiensammlung der Gewerbeschule aus.

    () Niederstetten, 28. Febr. Die Stadt erhielt für vorragende Leistungen in der Rindviehzucht (Regiefarrenhaltung) die Staatsmedaille in Bronze.

    Vaterlandsfreund, Nr. 50, 2. 3. 1931

  • 29. Dezember 1934. Advents- und Weihnachtsfeier der kath. Volksschule

    Niederstetten, 29. Dez. Am 8. Dezember waren in der katholischen Volksschule wieder, wie jedes Jahr, Seelsorger, Lehrer und Eltern mit Freunden und Gönnern versammelt, um mit den Kindern, die ihrer jährlichen Bescherung mit wahrem Glücksgefühl entgegensahen, eine ebenso würdige als wohlgelungene Advents- und St. Nikolausfeier zu begehen. Letzten Sonntag, 4. Adventssonntag, konnte der hiesige Löwensaal die Leute, groß und klein, kaum fassen, die wieder herbeigeeilt waren, der Weihnachtsfeier der kath. Diasporagemeinde anzuwohnen, Das Gesehene und Erlebte sollte die Erwartungen der weihnachtlich gestimmten Besucher bei weitem übertreffen. Ganz pünktlich konnte der H. H. Stadtpf. Mayer in begeisternd markanten Worten der Bedeutung der Abends gerecht werden, die in froher Feststimmung Erschienenen begrüßen und die Feier eröffnen. "Friede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind!” konnte er wohl geeignetere Worte finden, die in Sehnsucht nach dem Welterlöser harrenden Menschenherzen zu erschließen und vorzubereiten auf das Einleitungsstück des Abends: " Die frohe Botschaft von Bethlehem" von Ernst Solmsen. Fromm und erbauend erschollen die gemeinsam gesungenen Weihnachtsweisen durch den Saal, während in kurzen Bildern das Geschehen der heiligen Nacht an unserem Geiste vorüberzog. Mit gesteigerter Begeisterung ließen sich nun die Zuhörer in dem folgenden Weihnachtsspiel „Am Himmelstor“ von W. Bergander in den wahren Geist der heiligen Weihnacht einführen. Wie strahlten die Augen aller, als sie Petrus dem Goldflügelein zurufen hörten: Lausch, Liebes, ein heiliges Rufen hob an, die Glocken haben die Münder aufgetan u. rufen's in jauchzenden Worte von Ort zu Orten: Nun ist es Weihnacht wieder! Aufwachen Lieder, lang vergessen, die staunend von den schweren Lippen gleiten, ein jeder fühlt, was er als Kind besessen und jedem ist, als spräche seine Mutter wie vor Zeiten: „Nun ist es Weihnacht wieder." Allüberall geht's wie ein stilles Händereichen von Mensch zu Mensch. Und jeder fühlt als Uralt-Neues in sich werden den Glauben an des Lichtes Siegeszeichen und an den Sehnsuchtstraum: Friede auf Erden! Was nun folgte, muß man selbst erlebt und gesehen haben, um die weihevolle Stimmung und selige Weihnachtsfreude, die nun alle in ihren Bann schlug, zu ermessen. Rupprecht, die vielen Engelein, Wolkenkinder und Sternenbübchen, sie alle wetteiferten mit dem Petrus, den Alten, Armen, Verlassenen, Unbeachteten und Einsamen des Erdenlebens echte Weihnachtsseligkeit zu bringen. Haben die kath. Volksschule und der Kirchenchor alljährlich Proben ihres Könnens in gesteigerter Folge abgelegt, hier in diesem Stück haben sie wohl den Höhepunkt erreicht. Beim lustigen Schlußstück: „Warum der Weihnachtsmann dieses Jahr beinahe zu spät gekommen wäre", in zwei Aufzügen von E. Werkmeister, kamen die Kinder auf ihre Rechnung. Mit herzlichen Dankesworten beschloß der H. H. Stadtpfarrer d. in allen Teilen erfolgreich abgewickelte Feier. Nur allzubald forderte der Alltag wieder seine Rechte, ließ jedoch alle im Hochgefühl scheiden, eine selige Weihnacht erlebt zu haben.

    Der Franke, Nr. 303, 31. 12. 1934

  • 7. April 1930. Wahlversammlung des Bauern- und Weingärtnerbundes - Schußentlaßfeier Gewerbeschule

    Niederstetten, 7. April. Wohl als Auftakt für die möglicherweise in Bälde stattfindenden Reichstagswahlen hat am Sonntag der Bauern- und Weingärtnerbund zu einer Versammlung in den Löwensaal eingeladen. Referent war der alte Führer des Bundes, Herr Theodor Körner, Landtagsabgeordneter. Der Löwensaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Namens des Bauern- und Weingärtnerbundes, Ortsgruppe Niederstetten, begrüßte Herr Lagerhausverwalter Glaser die Versammlung und übertrug den Vorsitz an Herrn Landtagsabgeordneten Klein. Herr Klein führte aus: In den Wirrnissen der Politik unserer Tage müssen die Bauern einem alten Bauernführer, wie es Herr Körner ist, doppelt dankbar für seine Tätigkeit sein. Auch in unserer Gegend ist das politische Leben rege und besonders die nationalsozialistische Arbeiterpartei hat um sich gegriffen. Wenn man heute den Wirrwarr der Parteien sieht, so ist es bedauerlich, daß diese Partei bemüht ist, diesen Wirrwarr zu vergrößern und daß sie gerade da eindringen wollen, wo die besten nationalen Kräfte sitzen. Sie würden besser ihre Tätigkeit unter die Sozialisten in die Städte verlegen. Sie richten nur Unheil an, denn sie sind nicht so stark und werden auch nicht so stark, daß sie ohne Umsturz und Blutvergießen den nationalsozialistischen Staat in die Wirklichkeit umsetzen könnten. Um Wiederholungen zu vermeiden, schicke ich voraus, daß in der Diskussion Herr Klein den Nationalsozialisten vorwarf, daß sie gegen ihn in ihren Versammlungen mit Unwahrheit kämpfen und daß der Referent, Herr Körner die Bauernjugend warnte, sich mit Musik und Fahnen verführen zu lassen, vom rechten Weg des Bauernbundes abzuweichen. Denn die nationalsozialistische Arbeiterpartei stimme wohl in nationalen Dingen mit der Rechten. Aber in allen Fragen der Interessen der Landwirtschaft stimme sie im Wettbewerb mit Sozialisten und Kommunisten und dies sei auch in anderen Dingen, wie Versicherungsfragen etc. der Fall. Während die Nationalsozialisten gegen den Bauernbund wegen zu großer Beamtenaufbesserung hetzen, hätten im Landtag ihre Abgeordneten dafür gestimmt und dem Bauernbund Vorwürfe gemacht, weil er ihnen nicht weit genug ging. Das Hauptreferat des Herrn Landtagsabgeordneten Körner behandelte die Frage: " der deutschen und der württembergischen Landwirtschaft". Herr Körner führte ungefähr aus:

    Er sei gerne in einer Zeit hierhergekommen, wo so viele Fragen auf Antwort warten. Das Leben sei ein Kampf - auch das politische Leben. Es habe keinen Zweck, diesen Kampf aus dem Wege zu gehen, aber auch starke Worte an Biertisch haben keinen Zweck. Wie der Kampf des Landwirtes gegen das Unkraut gehe, so sei dies oft in parlamentarischen Kämpfen der Fall. Man fragt: "Mußte alles kommen, wie es gekommen ist?" u. besonders unsere Bauernjugend sieht mit Ungewißheit in die Zukunft. Wenn man die Zukunft aber verstehen will, muß man in die Vergangenheit blicken, denn nur aus Lebenserfahrung kann man lernen. Ein kurzer Rückblick: Im alten, von Bismarck geschaffenen Reichstag, war Generalfeldmarschall Moltke Abgeordneter. Er sprach wenig. Als man aber Ende der 70er Jahre vom Freihandel zum Schutzzoll überging, stand Moltke auf und sagte: Wenn wir mit unserer Ernährung von fremden Ländern abhängig werden, dann haben wir den nächsten Krieg verloren, ehe der erste Kanonenschuß fällt. So ist es auch gekommen. Der Weltkrieg ging durch unsere Umstellung zum Industriestaat und durch Verkümmerung der deutschen Landwirtschaft verloren. Die Grundlagen der Freiheit eines Staates liegen in seiner Landwirtschaft. Aus der jetzigen Lage kommen wir erst heraus, wenn man auch in den Großstädten und auch in Berlin einsieht, daß ohne eine gute Landwirtschaft kein Staat frei sein und selbständig handeln kann. Der Kampf für die Landwirtschaft ist daher der Kampf für das Bestehen eines Volkes. So hat sich denn im Reichstag die grüne Front gebildet, deren Zweck es ist, der deutschen Landwirtschaft die Existenzgrundlage zu sichern. In der Landwirtschaft geht alles langsam – ackern – säen – wachsen – ernten. Auch in der Politik ist es so und der politische Acker ist am schwersten zu bearbeiten. Wenn heute die grüne Front 100 Abgeordnete zählt, so ist das eine Minderheit, welche mit allen möglichen Mitteln für ihre Ziele bei den anderen werben muß. Man kommt da nicht ohne Kompromisse aus und man muß oft das kleinere Übel nehmen, um das größere zu verhindern. Herr Landtagsabgeordneter Körner sprach dann über die Kämpfe um die neue Steuerordnung im Landtag. Diese Ausführungen decken sich mit denen, die Herr Körner am Gerabronner Pferdemarkt gemacht hat und über die wir am 7. März schon ausführlich berichtet haben. Dann wandte sich der Redner den Kämpfen im Reichstag zu. Vor Weihnachten hat der Reichstag mit Hilfe der Sozialdemokratie die gleitenden Zölle eingeführt. Dieses System ist zu unsicher. Auch wenn man 13 M als Normalpreis für den Weizen annimmt, steht dieser Preis weit unter dem Rentabilitätspreis von 15 R.M. für 50 Kilo Weizen, denn die Kaufkraft des Geldes ist schlechter geworden. Man bekommt heute für 15 M für ein Zentner Weizen nicht viel andere Waren, als vor dem Kriege 10 oder 12 M. Der Index der Löhne ist um 150-200 Prozent gestiegen. Für 15 Zentner Kartoffel bekam man vor dem Kriege einen Anzug, heute braucht man 45 Zentner dazu. Auf dem Gebiete der Preisbildung ist dem Landwirt nur durch eine entsprechende Zollgesetzgebung zu helfen, wenn 15 M für den Zentner Weizen und 12 M für Gerste bezahlt worden wären, dann wäre manche Not, in welcher wir heute stehen, nicht so dringend geworden. Die Ueberproduktion an Zucker muß eine Einschränkung des Rübenbaues zur Folge haben. Auch auf anderen Gebieten gibt es ernste Befürchtungen. Die Ueberproduktion an Milch verursachte ein Fallen der Preise und hatte Absatzschwierigkeiten im Gefolge. Die Zollerhöhung für Butter steht nur auf dem Papier und kann erst in Kraft treten, wenn der Handelsvertrag mit Finnland aufgehoben oder geändert worden ist. Man hat den Landwirten Umstellung auf Viehzucht mit billigen ausländischen Futtermitteln empfohlen. Eine unsinnige Ueberproduktion wäre die Folge. Zudem überschwemmt zollfrei eingeführtes Gefrierfleisch Deutschland. Holland, Polen. Dänemark warten nur darauf, uns mit Schweinen zu überschütten. Die Türe muß zugemacht werden, es muß erklärt werden, wir können unseren Bedarf selbst erzeugen. Die jetzige Regierung soll nach dem Rechten sehen und dafür sorgen, daß die Zölle nicht nur auf dem Papier stehen. Wenn wir diese Förderungspolitik vom Reich verlangen, sorgen wir nicht nur für uns, sondern auch durch Hebung der Kaufkraft für den Arbeiter. Niemand kann sich mehr einschränken als der Bauer und wenn ihm das Geld fehlt, ist kein organisierter Käuferstreik (Redner ist gegen einen solchen) nötig, das ist dann aus der Not der Zeit geborener Käuferstreik. Der Sparer braucht sich heute in Deutschland vor keiner Inflation fürchten, die Aufsicht des Auslandes bewahrt ihn davor. Aber wir werden erleben, daß das Geld immer knapp und teuer sein wird. Man sucht die Kapitalbildung zu fördern. Dieser ist aber der Youngplan im Wege mit seiner durchschnittlichen Belastung von 2 Milliarden Mark im Jahre.

    In einem Volke lebt man miteinander. Wenn es dem Landwirt gut geht, geht es allen anderen gut, denn die Landwirtschaft erzeugt immer neue Werte. Je unabhängiger ein Volk in seiner Ernährung vom Auslande ist, desto besser ist sein innerer Markt. In Abhängigkeit kommen wir aber, wenn wir nur die Exportindustrie fördern. Denn das Ausland will unsere Ausfuhr nicht mit Gold, sondern mit seinen landwirtschaftlichen Ueberschußprodukten bezahlen. Die Entwicklung wird dahin gehen, daß sich die Industrie in gewissen Grenzen halten muß, wenn wir keinen beschränkten Export haben. So muß man umso besser für den inneren Mark sorgen. Wir haben die Pflicht zu warnen und uns zusammenzuschließen. Wir haben dafür zu sorgen, daß wir gehört werden. Eigene Pflichterfüllung ist Voraussetzung, wenn wir Staatshilfe verlangen. Die alten Parteien verschwinden, heute schließen sich die Stände zur Wahrung ihrer Interessen zusammen. Herr Körner hat die Überzeugung, daß sich die Standesvertretungen ganz gut zusammen finden könnten. Auch im Landtag hat dies die demokratische Partei eingesehen. Wir vom Bauernbund könnten uns ganz gut mit Handwerkern und Kaufleuten unter dem Motto: "Leben und leben lassen" zusammenfinden. An der Bewegung der Zeit sehen wir, daß der Bauernstand einig sein muß, weitere Zersplitterung in Parteien und Uneinigkeit muß vermieden werden. (Hier spricht Herr Körner, wie einleitend angeführt, über die nationalsozialistische Arbeiterpartei). Wenn der Bauernstand einig ist, hat er Kraft und kann die Macht verlangen und wo keine Macht ist, ist auch kein Recht. Das empfindet auch Deutschland. Wenn wir auch viel Macht eingebüßt haben, die Zahl ist da und wenn sie einig wäre, wäre auch jetzt noch unsere Macht groß. So ist aber der Haß der Parteien untereinander größer als der Haß gegen unsere Feinde. Wir haben es in der Hand, mächtig zu sein. So sollen die Bauern einig im Bauernbund zusammenstehen. Nach der Verfassung geht die Macht vom Volke aus. Darum muß jeder seine Kräfte wirken lassen, durch Ausübung seines Wahlrechtes, um mit vereinten Kräften an der Herbeiführung bessere Zeiten zu helfen. Allerdings – über Staatshilfe und Selbsthilfe stehe die Hilfe von oben und in Not und Sorge soll Man nicht auf die Hilfe von Menschen, sondern auf die Macht des Höchsten bauen. (Starker Beifall).

    Die folgende Debatte zwischen den Rednern des Bauernbundes und Herrn Beck-Wildentierbach (Nat.-Soz.-Arbeiterpartei) ist bereits am Anfang des Berichtes kurz angeführt. Einige markante Worte Herrn Körners aus dieser Diskussion sollen noch Platz finden: Nur sechs Millionen Deutsche stimmten gegen den Youngplan und wie nach dem Kriege 90 Prozent aller Deutschen Frieden um jeden Preis wollten, so haben also auch jetzt die Mehrzahl des Volkes den Youngplan gewollt. Wir dürfen jetzt nicht rückwärts, wir müssen vorwärts schauen und uns bemühen, diese schweren Bedingungen aufzuheben, aber auf dem Wege der Nat.-Soz.-Arbeiterpartei bringen wir dies nicht fertig. (Zwischenruf: Futterkrippe). Darauf erwidert Landtagsabg. Körner, dieser Zwischenruf hätte nicht fallen dürfen. Denn Herr Frick sei aus Bayern als Minister nach Thüringen geholt worden. Des Redners Partei wollen nicht revolutionieren, sondern reformieren. Reformation ist schwerer, aber sicherer als Revolution.

    Nachdem auch Herr Herrmann-Blaufelden, Vorstand des Landw. Bezirksvereins Gerabronn und Herr Ehrmann-Gerabronn, Vorsitzender des Bezirkes Gerabronn des württ. Bauern- und Weingärtnerbundes, die Ausführungen des Hauptreferenten mit bei fällig aufgenommenen Reden unterstrichen hatten und Herr Landtagsabgeordneter Klein-Vorbachzimmern dem Hrn. Landtagsabgeordneten Körner den Dank der Versammlung ausgesprochen hatte, schloß Herr Klein die Versammlung.

    () Niederstetten, 7. April. Am Sonntag fand im vollbesetzten Saal des Gasthauses Melber die Schlußfeier der Gewerbeschule Niederstetten und Blaufelden statt. An dem regen Besuch, den dieselbe aufzuweisen hatte, sah man, daß alle Kreise großes Interesse an dem Gewerbeschulwesen haben. Nach einem einleitenden Gedicht "Üb immer treu und Redlichkeit" eröffnete Herr Schulvorstand Striegel die Schlußfeier. Er begrüßte zunächst die Erschienenen und richtete hierauf einige ermahnende Worte an die Schüler, die nun die Gewerbeschule verlassen. Hierauf sprach er von der engen Zusammenarbeit, die zwischen Meister und Schule herrschen muß. Am Schluß seiner Rede gab Herr Schulvorstand Striegel noch den Jahresbericht für das Schuljahr 1929/30. Es besuchten in diesem Jahre 140 Schüler die beiden Schulen Niederstetten und Blaufelden. Hiervon entfallen 65 auf Niederstetten und 75 auf Blaufelden. Er erwähnte auch noch die Schwierigkeiten, die dadurch entstanden sind, daß anstatt drei nur noch zwei Lehrer an den Schulen tätig sind. In diesem Jahre verlassen 38 Schüler die beiden Schulen. Es sind dies 18 in Blaufelden, 12 in Niederstetten und 8, die zur Schneiderfachklasse gehören. Anschließend an die Rede wurden einige Gedichte vorgetragen. Ein Schüler hielt ein Referat über "Das Ausrüsten der Leinen- und Baumwollstoffe". Er erklärte in wirklich netter Weise die Arbeit, die noch nötig ist, um den gewebten Stoff verarbeitungsfähig machen. Herr Schulvorstand Striegel sprach dann einige kurze Worte über Zunftgebräuche. Ein Schüler erzählte hierauf eine witzige Geschichte in Mundart. Darnach erfolgte die Preisverteilung. Preise erhielten in der zweiten Klasse in Niederstetten: Hohl, Haag und Merz; in Blaufelden: Räderich Hermann, Gabel Karl, Friedrich Hermann und Robert Hohl. In der 3. Klasse in Niederstetten: Scheu und Blumenstock; in Blaufelden: Schmelcher, Schüttler und Mayer. In der Schneiderfachklasse erhielten einen Preis Albert Schmitt-Niederstetten und Gerhard Grabert-Bad Mergentheim. In der ersten Klasse wurden als beste belobt: Georg Dreher und Otto Schäfer. Preise wurden gestiftet von der Stadtgemeinde Niederstetten, dem Gewerbeverein Blaufelden und der Schneiderinnung der Oberämter Mergentheim und Gerabronn. Nach der Preisverteilung ergriff Herr Stadtschultheiß Schroth-Niederstetten das Wort. Er wies darauf hin, daß es zur Notwendigkeit geworden ist, den angehenden Handwerker auch theoretisch auszubilden, denn der schwere Existenzkampf zwingt den Menschen, der es zu etwas bringen will, dazu. Herr Schultheiß Waldmann-Blaufelden sprach dann noch einige kurze Worte über den Segen der Arbeit zu den Schülern. Gegen Schluß seiner Rede betonte er das gute Einvernehmen in der Gewerbeschulsache zwischen den Gemeinden Niederstetten und Blaufelden. Nun hielt Herr Ingenieur Weller einen Vortrag über den Werdegang eines Autos. An einigen sehr schönen Lichtbildern erklärte er den Anwesenden in leicht verständlicher Weise die verschiedenen Arbeitsphasen der Herstellung eines Autos. Er erklärte dabei all die technischen Vorteile des laufenden Bandes. Er zeigte dann noch die verschiedenen Autotypen. Ein besonders großes Interesse wurde seinen Ausführungen entgegengebracht. Herr Schulvorstand Striegel schloß hierauf die so schön verlaufende Schlußfeier. – Anschließend daran war eine Führung in der Ausstellung der Schneiderfachklasse in den Räumen der Gewerbeschule. Auch diese auf ein Fach spezialisierte Ausstellung hat viel für sich. Wir erkennen an Zeichnungen und Stoffen, wie der Schüler in den Geist der Arbeit eingeführt wird, er lernt den Sinn der einzelnen Kleidungsstücke kennen, er wird mit Stoff und Zutaten vertraut. Aus dem Heften ersehen wir, wie er rechnen, kalkulieren lernt, wie er unterrichtet wird und wie der einzelne Schüler die Arbeit erfaßt. Zusammenfassend zeigte die Schlußfeier der Gewerbeschule Niederstetten-Blaufelden, daß das letzte Jahr ein recht erfolgreiches Jahr der Arbeit an unserer heranwachsenden gewerblichen Jugend war. Schlußfeier und Ausstellung werden auch dazu beitragen, das Verständnis für die Schule in immer weitere Kreise zu tragen.

    Der Vaterlandsfreund, Nr. 82, 8. 4. 1930