Gasthaus Post

Gasthaus Post

  • 15. Juni 1931. Wilhelm Gerlinger gestorben

    () Niederstetten, 15. Juni. In den besten Jahren verstarb Herr Wilhelm Gerlinger, Besitzer des Gasthofes zur „Post“. Sowohl bei der hiesigen Bürgerschaft, als auch im weiten Umkreis unserer Stadt, in den Kreisen seiner Berufsgenossen und ganz besonders auch bei den Geschäftsreisenden in allen vier Himmelsrichtungen war der Verstorbene bekannt, beliebt und geachtet. Neben der tadellosen Führung seines Gasthofes galt sein Interesse der Heimatgeschichte und eine interessante Sammlung legt von dieser Neigung Kenntnis ab. So ist nicht nur ein guter Wirt, sondern auch ein braver Mensch und ein Freund seiner Heimatstadt mit ihm dahingegangen. Seine Beerdigung war ein beredter Ausdruck seines Ansehens und seiner allseitigen Beliebtheit. Er ruhe in Frieden.

    Vaterlandsfreund, Nr. 137, 16. 6. 1931

  • 2. Juni 1932. Jahreszusammenkunft des Schwäb. Albvereins

    Niederstetten, 2. Juni. Alljährlich, wenn xi h die Natur überall zu regen beginnt, regt sich auch der Burgberg-Tauberverband des Schwäb. Albvereins und hält seine Jahreszusammenkunft, mit den in ihm vereinigten Ortsgruppen. Das Ziel der diesjährigen Frühjahrswanderung war dem einstimmigen Beschlusse der Vertrauensmännerversammlung zufolge das im schönen Vorbachtal gelegene Niederstetten. Der Einladungsruf des Gauvorstandes Andrassy verfehlte trotz des wankelmütigen Charakters der Witterung seine Wirkung nicht, denn am Sonntag nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr zogen von allen Seiten muntere Scharen Albvereinler in Niederstetten ein und auf den gastlichen Postsaale zu, der bald nicht mehr alle fassen konnte. Bald ertönten stimmungsvolle Volksweisen und Albvereinslieder und der Gauvorstand konnte mit sichtliher Freude und innerer Befriedigung die Albvereinler in der Perle des Vorbachtals begrüßen und widmete treffliche Worte der Albvereinssache, die trotz der Ungunst der gegenwärtigen Zeitverhältnisse seinen inneren Wert nicht verloren habe. Seine Ausführungen gipfelten in dem Wunsche, daß der Burgbergverband, der sich jetzt ein so schönes Heim auf dem Burgberg geschaffen hat, weiterhin wachse, blühe und gedeihe. Bürgermeister Schroth dankte dem Gauvorstand für die herzlichen Begrüßungsworte, die er ihm widmete und begrüßte seinerseits im Auftrag der Ortsgruppe Niederstetten und der Stadtgemeinde aufs wärmste die so zahlreich sich hier eingefundenen Albvereinler. Er dankte ganz besonders dem neuen Gauvorstand Andrassy dafür, daß er die Gauwanderung nach Niederstetten bestimmt habe und glaubte sagen zu dürfen, daß die Ortsgruppe Niederstetten, wenn auch noch klein, so doch den festen Willen und das zähe Bestreben habe, weiter bestehen zu wollen und daß sie sich auch weiter entwickeln werde. Von dem Gedanken ausgehend, daß das Wandern und die Beschäftigung mit der Natur sich immer charakterbildend und verbessernd auf den Menschen auswirke, wünschte er der Tagung einen guten Verlauf und allen Teilnehmern recht fröhliche Stunden in Niederstetten. Dieser Wunsch ging auch reichlich in Erfüllung bei gemeinsamem Gesang unter überaus dankenswerter Klavierbegleitung verschiedener Mitglieder der Ortsgruppe Crailsheim, die ganz besonders zum Gelingen beitrugen. Herr Hofmann von der Ortsgruppe Mergentheim brachte es fertig, durch seine in jeder Hinsicht gelungenen Ausführungen und Vorträge in besonderer Mundart die Lachmuskeln der Teilnehmer, die sich teilweise in vollen Salven ergossen, in Bewegung zu bringen. So konnte kurz vor Abgang des Zugs Vorstand Andrassy allen Teilnehmern noch herzlich danken und besonders denen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben u. die Mitglieder einladen am 12. Juni 1932 zur Einweihung des neuen Heims, nachmittags 2 1/2 Uhr, sich auf dem Burgberg einzufinden. Mit innerer Befriedigung über die in Niederstetten schön schön verlebten Stunden traten die Ortsgruppen, teils zu weiteren Fußmärschen, teils mit der Bahn ihren Heimweg an.

    (Vaterlandsfreund, Nr. 127, 3. 6. 1932)

  • 26. Januar 1931. Tanzkurs-Schlußball - Generalversammlung des Turnvereins - Erste-Hilfe-Vortrag

    () Niederstetten, 26. Jan. Ueber einen Schlußball eines Tanzkurses berichten wir im allgemeinen nicht. Wenn ein Tanzkurs aber 23 Paare hat und diese 23 Paare andere 92 Paare aus allen Teilen der Bürgerschaft zum Schlußball einladen, dann wird dieser Schlußball auch für eine kleine Stadt ein gesellschaftliches Ereignis. Das war denn auch der am Samstag stattgehabte Schlußball der Tanzschule Geiger-Mergentheim in den Löwensälen. An der Mitteltafel ein Kranz lieblicher Jugend, gehoben durch die zahlreichen Sträuße herrlicher Blumen, rings herum die Ballmütter und Ballväter und noch viele tanzlustige Jugend. Die jungen Leute zeigten auch, daß sie vorzüglich tanzen gelernt hatten — ihr erstes Debut auf dem Parkett (eigentlich Pitch-pin) der Gesellschaft verlief recht erfolgreich u. hoffentlich gelingt es ihnen auf dem Parkett des Lebens ebenso erfolgreich zu werden. Der Jugend gehört ja die Zukunft. Erfreulich war auch zu sehen, daß der alte Walzer wieder hoch in Ehren steht. Herr Oberndörfer-Sichertshausen begrüßte recht nett die Gäste, das Tanzlehrerehepaar Greiner-Geiger, die Tanzschüler des Tanzkurses „Liebeswalzer“ und überreichte dem Tanzlehrerehepaar ein schönes Geschenk. Die Musik stellte Herr Fleckenstein-Mergentheim und er wirkte selbst mit. Daß das eine gute und keine gewöhnliche Tanzmusik war, kann man sich denken. Von allen Stücken sei nur die glänzend gespielte Francaise aus der „Fledermaus“ genannt.

    () Niederstetten, 26. Jan. Der Turnverein hielt gestern im Melber'schen Saale seine Generalversammlung ab. In Hinsicht auf die Größe und Bedeutung des Vereins wäre eine bessere Beteiligung zu wünschen gewesen. Wohl zum ersten Male war auch die Frauenriege vertreten. Herr Vorstand Streitberger begrüßte die Versammlung und gedachte der Toten des Vereins. Der Jahresbericht des Schriftführers gab ein schönes Bild von erfolgreichem turnerischen Schaffen des Vereines und von gelungenen gesellschaftlichen Veranstaltungen. Der Bericht des Kassierers zeigte, daß der Verein auch finanziell gut gearbeitet hat. Besonders durch die Durchführung der Wirtschaft in eigener Regie konnte ein weiterer Teil der Bauschulden abgetragen werden, Aus den Berichten der Turnwarte ist hervorzuheben: Die Zahl der Jugendturner hat sich nach der letzten Jugendveranstaltung fast verdoppelt. Es wird über mangelnde Beteiligung seitens der aktiven Turner an den Turnstunden geklagt. Der Oberturnwart bemerkte sehr richtig, daß wer turnt, dies nicht dem Verein, sondern sich selbst zu Liebe tut. Die Wahlen ergaben: 1. Vorstand: Streitberger, 2. Vorstand: Hauptlehrer Gerheißer (neu), Kassier: Rüger, Schriftführer: Kreutzmann, Oberturnwart: Kleinhanß, Turnwart: Stadtpfleger Pflüger, Jugendturnwart: Keppler, Frauenturnwart Kleinhanß. Hr. Vorstand Streitberger dankte für die Wiederwahl und dankte zugleich allen Funktionären, der Wirtschaftskommission und den Damen des Vereines, welche sich dieser zur Verfügung gestellt hatten. In der sich anschließenden Aussprache regte Oberturnwart A. Kleinhanß an, die Monatsversammlungen sollten durch gebotene geistige Darbietungen auf turnerischen und allgemeinen Gebieten anregender gestaltet werden. Herr Bürgermeister Schroth regte an, durch Schaffung eines Aufenthaltsraumes mit guter Lesegelegenheit, Gelegenheit zu musikalischer Betätigung und sonstiger geistiger Anregung die Jugend von der Straße fernzuhalten. Die Versammlung nahm einen harmonischen Verlauf.

    () Niederstetten, 26. Jan. Der landw. Hausfrauenverein hatte gestern einen Vortragsabend im Postsaale veranstaltet. Frl. Siebert von der württ. Landwirtschaftskammer hielt einen Lichtbildervortrag über „Erste Hilfe bei Unglücksfällen“. Der Vortrag war durch eine Reihe erklärender Lichtbilder unterstützt. Der Besuch war nicht sehr zahlreich.

    Vaterlandsfreund, Nr. 21, 27. 1. 1931

  • 26. Mai 1934. Generalversammlung des Männergesangvereins

    Niederstetten, 26. Mai. Der Männergesangverein hielt am gestrigen Abend im Postsaal seine Generalversammlung ab. Die Sängerschar war dem Vereinsbericht zufolge am Laufe des Jahres sehr rührig. Besondere Höhepunkte waren die im Sommer und zur Weihnachtszeit veranstalteten Gesangskonzerte, bei denen d. Sänger jeweils glänzende Proben ihres Könnens ablegten, was der Verein insonderheit der sechsjährigen Arbeit des Chormeisters Fleckenstein zu danken hat. Der Kassier konnte noch einen bescheidenen Ueberschuß aus dem abgelaufenen Geschäftsjahr auf neue Rechnung vortragen. Zu Ehrensängern wurden für über 25jährige Sängerzeit die Herren Fischer und Meider ernannt. Weiterhin wurden für über 25jährige Sängerzeit die Herren Emmert, Hermann, Hönig, Melber und Schneider Julius mit der silbernen Ehrennadel geehrt. Vom Vorsitzenden des Hohenloher Sängerkreises wurde der seitherige Vorstand Julius Schneider wieder ernannt, dieser wiederum berief seine bisherigen Mitarbeiter als Vorstands- und Beiratsmitglieder. Die Satzungen d. DSB. wurden für den Verein für verbindlich erklärt. Das Hauptziel der Sänger für diesen Sommer ist das Landessängerfest in Heilbronn, bei dem sie sich die Aufgabe gestellt haben, mit dem Chor „Matrosenblut“ von Neumann am Gesangswettstreit im gehobenen Volksgesang teilzunehmen. Möge ihre Mühe von gutem Erfolg begleitet sein. Auf Vorschlag des Vereinsvorstandes wird der seitherige Männergesangverein den Namen „Liederkranz" führen, und zwar mit der Begründung, daß vor über 90 Jahren in hiesiger Stadt ein Gesangverein unter diesem Namen ins Leben gerufen wurde, dessen Fahne dem heutigen Verein — der aus den beiden früheren Vereinen Liederkranz und Harmonie nach dem Weltkrieg gebildet wurde — noch voran weht, so daß es ein Akt der Pietät an längst Vergängenes ist. T[au]b[er]z[eitung].

    Der Franke, Nr. 121, 29. 5. 1934

  • 29. Juli 1936. Kreisfeuerwehrtag

    Niederstetten 29. Juli. (Kreisfeuerwehrtag.) Am letzten Sonntag hielt der Bezirksfeuerwehrverband Gerabronn hier seinen Kreisfeuerwehrtag ab. Aus dem ganzen Kreise waren die Kommandanten der Ortsfeuerwehren erschienen, desgleichen größere Abteilungen der Feuerwehren Blaufelden, Bartenstein und Kirchberg; letztere mit ihrer Motorspritze. Die Tagung begann um 9 Uhr mit einer Sitzung des Ausschusses im Gasthaus zur "Post". Nach einem Vorbeimarsch der Feuerwehren vor Herrn Kreisfeuerlöschinspektor Kellermann-Gerabronn, begannen die Geräteübungen der freiwilligen Feuerwehr Niederstetten, welche durch disziplinierte Haltung u. exakte Ausführung ungeteilten Beifall der sehr zahlreichen Zuschauer erfuhr. Anschließend endigte eine Hauptübung bei einem angenommenen Brandobjekt, mit Unterstützung der Motorspritze Kirchberg, welche mit einem Hauptrohr und drei Nebenrohren arbeitete und ihr Wasser aus dem Vorbach holte. Auch für diese Uebung wurde großes Interesse gezeigt. Der Vormittag schloß mit der Vorführung einer Motorspritze durch die Magiruswerke Ulm a. D., welche abwechselnd mit Wasser und Schaum, sowie mit einem und sechs Rohren arbeitete. — Um 13 1/2 Uhr fand die Tagung in- der Turnhalle ihren Fortgang. Herr Kreisfeuerlöschinspektor Kellermann begrüßte die Anwesenden, worauf Herr Bürgermeister Schroth das Wort ergriff. Er betonte besonders auch, daß es dieses Jahr zehn Jahre seien, seit die freiw. Feuerwehr Niederstetten gegründet worden wäre und hätte die Feuerwehr im Jahre 1925 dreihundert Feuerwehrpflichtige gezählt, so wurde sie darauf auf 120 reduziert. In seinen weiteren Ausführungen berichtete Herr Bürgermeister Schroth über die Bandfälle dieser zehn Jahre, in welcher sich die freiw. Feuerwehr Niederstetten ganz hervorragend bewährt habe. Als besondere Ehrung für treue Pflichterfüllung konnte er dem Kommandanten Karl Streitberger das Verdienstkreuz überreichen. Herr Feuerlöschinspektor Kellermann erläuterte in einer längeren Ausführung die Einheitsfeuerwehr in ihrer Einteilung nach neuen Gesichtspunkten und führte als Beispiel die freiw. Feuerwehr Niederstetten an, welche schon vollständig als Einheitsfeuerwehr aufgestellt sei und ihre Uebungen in diesem Sinne heute ausgeführt habe. Bei der früheren Einteilung gab es Steiger-, Retter-, Schlauchleger-, Hydranten-, Spritzen- und Wachmannschaften, während heute jeder Feuerwehrmann an allen Geräten ausgebildet wird, um so überall eingesetzt werden zu können. Protokollführer Rühling-Gerabronn verlas die Berichte über die letzten Jahre und Kassenleiter Maurer gab Rechenschaftsbericht. Nun ergriff Obertruppmeister Müller vom Reichsluftschutzbund zu seinem Vortrag über: Luftschutz und Feuerwehr im Luftschutz, das Wort. Seine packenden Ausführungen brachten lebhaften Beifall und überzeugten die Zuhörer davon, daß der Luftschutz eine Lebensfrage für das deutsche Volk geworden ist, denn Deutschland sei das luftempfindlichste Land Europas und besonders für eine Zermürbung der Zivilbevölkerung durch Luftangriffe geeignet und darum der zivile Luftschutz, zu welchem jeder Deutsche und jede Deutsche verpflichtet sei, zum Schutze der Heimat und besonders wir auf dem Lande sind der Zerstörung der Ernährungsgrundlage ausgesetzt, denn im Ernstfalle wird jeder lebendwichtige Betrieb aus der Luft angegriffen werden. In seiner Rede erklärte Herr Müller die Kampfmittel in einem zukünftigen Kriege, besonders die Wirkungen der Brandbomben und in dieser Beziehung die Arbeit der Hausfeuerwehren und des Feuerwehrtrupps im Luftschutz. Mit einem dreifaden Sieg-Heil auf unseren Führer schloß die Tagung in der Turnhalle. — Unterdessen hatte sich vor der Turnhalle eine große Anzahl Volksgenossen versammelt, um die Luftschutzübungen unter der Leitung von Herrn Obertruppmeister Müller (Alarm, Angriff, Einsatz der Selbstschutzkräfte unter Verwendung der Luftschutzgemeinschaft), anzusehen. Die bei der Uebung eingesetzten Teilnehmer des ersten Luftschutzkurses in Niederstetten konnten hier zeigen, daß sie nicht umsonst diesen Kurs besucht hatten. Mit Gasmasken ausgerüstet, führten sie die ihnen gestellten Aufgaben bei einem angenommenen Luftangriff mit Ruhe und Sicherheit aus. Es folgte hieran noch die Vorführung von Brandsätzen und das Ablöschen eines mit leicht brennbaren Stoffen, wie Stroh und Reisig gefüllten Dachstockes, welches durch einen Brandsatz angezündet wurde. Lebhaftestes Interesse wurde allen diesen Vorführungen von Seiten der Zivilbevölkerung und der Feuerwehrleute entgegen gebracht.

    Der Franke, Nr. 174, 29. 7. 1936

  • 29. September 1929. Vierzigerfeier. - Zeppelin angekündigt

    () Niederstetten, 29. Sept. Die im Jahre 1889 geborenen Kinder unserer Stadt haben gestern im Gasthof z. Post einen Vierzigertag gefeiert. Diese Begebenheit ist darum besonders beachtenswert, weil sie Veranlassung war, daß der berühmteste Sohn unserer Stadt, seine Heimat besuchte. Albert Sammt, Bordingenieur des „Graf Zeppelin“, ist heimgekehrt, um nach allen Erlebnissen und Mühen, einige Tage in seiner Heimatstadt im Kreise seiner Jugendfreunde und Jugendfreundinnen zu verbringen. Die Feier nahm einen gehobenen Verlauf. Der Höhepunkt war die Ansprache Hrn. Sammts, als er von den Schönheiten und den Mühseligkeiten, von den Freuden und den Gefahren der Reise erzählte. Leider mußte sich Herr Sammt viele Zurückhaltung auferlegen, um nicht in das Gehege der privilegierten Presse einzudringen. Heute morgen legten die „Vierziger“ am Grabe ihrer gestorbenen Altersgenossen und am Kriegerdenkmal Kränze nieder.

    () Niederstetten, 29. Sept. Sicherem Vernehmen nach wird am Dienstag das Zeppelinluftschiff seine große Süddeutschlandfahrt ausführen. Voraussichtlich wird das Luftschiff im Laufe des Vormittags unsere Stadt überfliegen.

    Vaterlandsfreund, Nr. 230, 30. 9. 1929

  • 8. November 1929. Sommerschafweide. Gemeinderäte Gottlob Baumann, Ludwig Ziegel, Friedrich Kießecker. Pfarrer Umfrid

    () Niederstetten, 8. Nov. Die Verpachtung der Sommerschafweide ist nun doch erfolgt und zwar haben sich die Gebote wesentlich gebessert. Die Sommerweide bringt der Stadt jetzt 1500 M. Mit Rücksicht auf die niederen Wollenpreise und die niederen Preise des Schafviehs ist dies noch ein recht schöner Preis. — In der heutigen Gemeinderatssitzung fand die Einführung des Herrn Gemeinderates Gottlob Baumann statt, welcher an Stelle des verstorbenen Herrn Gemeinderates Ziegel in den Gemeinderat eintritt. Herr Stadtschultheiß Schroth sprach Herrn Kaufmann und Gemeinderat Kießecker die Glückwünsche des Gemeinderats zu dessen 40jährigem Geschäftsjubiläum aus.

    () Niederstetten, 8. Nov. Am Mittwoch traf hier aus Kaisersbach der neuernannte Herr Stadtpfarrer Umfried ein. Im Pfarrhof fand eine herzliche Begrüßung des Geistlichen seitens der evang. Gemeinde statt. Die Amtseinsetzung des Herrn Stadtpfarrer Umfried findet am kommenden Sonntag vormittags 10 Uhr in der Stadtpfarrkirche zu St. Jakob statt. An die Amtseinsetzung schließt sich ein Festessen im Gasthof zur Post an.

    Vaterlandsfreund, Nr. 265, 9. 11. 1929

  • Bruno Stern in seiner Autobiographie (1985)

    Ich kam gegen Abend [des 24. März 1933] aus Würzburg [in Niederstetten] an. Nach dem gemeinsamen Essen mit meinen Eltern machten wir alle drei noch einen Besuch bei Familie Neuburger, jüdischen Freunden, mit denen wir sehr gut standen. Während des Gesprächs bemerkte Frau Neuburger, daß mein Vater überaus nervös war, und fragte ihn offen: "Herr Stern, was ist mit Ihnen, warum sind Sie so unruhig?" Er gab aber nur zur Antwort, es sei nichts - und wir kümmerten uns nicht weiter darum. Es war noch nicht allzu spät, als wir uns auf den Heimweg begaben. Die Straßen lagen still im Dunkeln. Im Rathaus aber sahen wir Licht brennen. Wir wunderten uns darüber und überlegten, wer um diese Uhrzeit noch dort arbeiten könnte. Wenig später gingen wir schlafen

    Am anderen Morgen ganz früh - es war Samstag, der 25. März - wurde ich durch den Lärm schwerer Lastwagen, die durch die Straßen rumpelten, und das Gröhlen antisemitischer Lieder geweckt. Gleich darauf klingelte es an unserer Tür. Wir hatten noch eine jener altmodischen Zugglocken, an denen man draußen zog, worauf oben im Treppenhaus die Glocke durch alle Räume tönte. - Vater kam an meine Tür: "Bruno, steh auf! Sie sind da!" Er brauchte mir nicht zu sagen, wer "sie" waren. Dann ging er hinunter, um zu öffnen. Herein traten zwei Sturmtruppführer der SA in ihren braunen Uniformen mit Pistolen im Gürtel und ein Mann von der Staatspolizei. Sie stiegen die Treppe hoch und erklärten uns, daß das Haus noch einmal1 durchsucht werden müßte nach Schußwaffen, staatsfeindlicher Literatur und sonstigen Unterlagen, die Deutschland schaden könnten. Einen Durchsuchungsbefehl hatten sie nicht vorzuweisen, auch kein anderes amtliches Ausweispapier - das war inzwischen nicht mehr nötig.2 Sie durchwühlten nun das Haus vom Keller bis zum Dachboden und sahen sogar in den Geldschrank des hinteren Ladenraumes. Aber entdecken konnten sie nichts. Erst als sie ins Wohnzimmer zurückkamen, fiel ihnen an der Wand ein Bild ins Auge, das Walther Rathenau darstellte, den jüdischen Staatsmann, der 1922 von Rechtsextremisten ermordet worden war. Sie nahmen das Gemälde herunter und forderten meinen Vater auf, sich fertig zu machen, um mit ihnen aufs Rathaus zu kommen. Dabei sahen sie auch zu mir herüber und flüsterten miteinander. Der Gestapo-Mann wies mich in einen Nebenraum, folgte mir nach und schloß die Tür hinter uns. Daraufhin nahm er seine Pistole heraus und richtete sie auf mich. Ich sah wie erstarrt auf den Lauf, der, nur ein paar Zentimeter entfernt, unverändert auf mich gerichtet blieb. Der Mann herrschte mich an: "Sie sind ein Kommunist! Geben sie’s zu!" Es klang wie ein Befehl. Was sollte ich darauf antworten? Ich war immer unpolitisch gewesen und niemals ein Kommunist, ja nicht einmal ein Sozialist. Auf die Pistolenmündung fixiert, versuchte ich, trotz des Aufruhrs in meinem Inneren, einen klaren Kopf zu behalten, und erklärte wahrheitsgemäß, daß ich weder Kommunist war, noch dem Kommunismus nahe stand, da ich einer studentischen Verbindung angehörte und diese bekanntlich keine sonderlich enge Freundschaft mit den Linken pflegten. Aus irgend einem Grund schien ihn das zufriedenzustellen. Er ging zurück ins Wohnzimmer. Mittlerweile war mein Vater ausgehbereit und folgte den beiden SA-Leuten und dem Gestapo-Mann zum Rathaus. Draußen schloß sich ihnen noch ein vierter Bewachungssoldat an, der so lange auf der Straße gewartet und das Haus "unter Kontrolle" gehalten hatte.

    Es war nun etwa sechs Uhr morgens. Kurz vorher war der Bürgermeister von Niederstetten [Jakob Schroth] auf dem Weg zum Bahnhof durch unsere Straße gegangen (er fuhr an diesem Morgen zum Sitz der Kreisverwaltung). Wir fragten uns, nachdem wir davon erfuhren, ob er gewußt hatte, was bei uns vorging. Später sagte jemand, daß die lokalen Parteiführer ihn an diesem Tag absichtlich weggeschickt hätten. Auf den Straßen waren zu dieser Zeit keine Zivilpassanten unterwegs, auch sah niemand aus dem Fenster - wahrscheinlich aber standen viele hinter dem Vorhang, um alles zu beobachten, und mancher wird sich wohl gewundert haben, was die Nazis bei uns suchten. Nur SA-Leute liefen überall herum. Die meisten von ihnen waren für diese "Polizeiaktion" von außerhalb eingesetzt worden, kamen also aus anderen Ortschaften. Aber ab und zu konnte man auch ein bekanntes Gesicht unter ihnen entdecken.

    Der Uhrzeiger rückte vorwärts. Mutter und ich mußten befürchten, daß die Gerüchte, die wir neuerdings immer öfter gehört hatten, doch der Wahrheit entsprachen. Was nur sollten wir machen? Zwei Häuser weiter wohnte der Tierarzt von Niederstetten, der im Ruf stand, dem rechten Flügel anzugehören [Hermann Eyßer, stv. Ortsgruppenleiter der NSDAP]. Mama konnte einfach nicht tatenlos warten. Wir beschlossen, daß sie durch Keller und Hintergärten den Nachbarn zu erreichen versuchen und ihn um Hilfe bitten sollte. Vielleicht würde er sogar im Rathaus vorsprechen? Gesagt, getan. Der Tierarzt hörte sich alles an und tröstete meine Mutter erst einmal: sie solle sich keine Sorgen machen, ihrem Mann würde schon nichts passieren. Zum Rathaus, das von SA-Leuten umringt war, konnte er nicht gehen. Niemand hätte das gekonnt.

    So kam Mutter wieder heim, und wir warteten und warteten. Es waren die längsten Stunden unseres Lebens. Frieda [ ], unser christliches Hausmädchen, war bei uns. - Um 8.30 Uhr ungefähr kam Vater zurück, aber nur, um schnell eine Tasse Kaffee zu trinken. Er mußte gleich wieder weg. Auf die Frage meiner Mutter, ob man ihm etwas angetan hätte, antwortete er: "Nein." Dann stand er schon auf, ging langsam die Treppe hinunter und zurück ins Rathaus. Dort angekommen, traf er auf den Stufen zum Eingang Simon Kirchheimer, der das Gebäude gerade verließ und fragte: "Was tun Sie denn hier? Sie können doch nach Hause gehen!" In seiner Aufregung hatte mein Vater tatsächlich die Anweisungen falsch verstanden. Erleichtert schloß er sich nun Kirchheimer an, der sofort weiterfragte: "Haben Sie auch was abgekriegt?", worauf mein Vater nur mit einem Haggadah-Wort antwortete: "Dayenu" (Es war genug). Obwohl er selbst mißhandelt worden war, konnte Simon Kirchheimer nicht glauben, daß man Hand an Max Stern gelegt hatte.

    Als Vater nun wieder zu Hause war, bat er Mutter, ihm beim Auskleiden behilflich zu sein. Er wollte sich etwas hinlegen, aber nicht in sein Bett - das stünde zu nahe am Fenster. Von draußen hörten wir abermals die vorbeirumpelnden Lastwagen und das Gröhlen der SA-Leute, diesmal verlor sich der Lärm in die entgegengesetzte Richtung: die Sturmtrupps zogen ab. Dann vernahm ich unterdrücktes Weinen aus dem Schlafzimmer. Mutter hatte entdeckt, daß Vater aufs grausamste geprügelt worden war. Sein Rücken zeigte nicht das kleinste Fleckchen heiler Haut mehr. Nach der Ankunft im Rathaus hatten sich mein Vater und zehn weitere Juden mit dem Gesicht zur Wand aufstellen und stillhalten müssen. Dann wurden sie, einer nach dem andern, aufgerufen und einzeln in einen Nebenraum kommandiert. Dort warf man meinem Vater alle Arten von erlogenen Anschuldigungen entgegen, zog ihm die Jacke aus, stopfte ihm ein Taschentuch in den Mund, damit er nicht schreien konnte, und befahl ihm, sich vornüber zu beugen, woraufhin vier Männer unbarmherzig mit Stahlpeitschen auf ihn einschlugen.

    Es gibt keine Worte, unsere Gedanken und Empfindungen in diesem Moment zu beschreiben. Wären wir selbst durchgepeitscht worden, es hätte uns nicht mehr schmerzen können. Vater lag still auf der Liege, kein Wort der Anklage kam über seine Lippen, kein Wort des Schmerzes, kein einziges Wort... Wir beschlossen, Dr. Heller, unseren langjährigen Hausarzt, zu rufen. Einen jüdischen Arzt gab es nicht mehr in Niederstetten. Frau Heller war Leiterin der NS-Frauengruppe, weshalb wir anfangs Zweifel hegten, ob ihr Mann, da die Umstände sich derart zugespitzt hatten, noch in unsere Wohnung kommen würde. Aber er kam - und gab meinem Vater die bestmögliche ärztliche Behandlung. Meine Mutter fragte ihn: "Herr Doktor, warum nur haben sie meinen Mann so zugerichtet, gerade ihn, der nie jemandem etwas zuleide getan hat?" Der Arzt wußte nichts darauf zu sagen als: "Frau Stern, wir leben in einer hochpolitischen Zeit."

    Als Dr. Heller uns verließ, war es etwa 9.30 Uhr. Mutter und ich überlegten, ob ich nicht in die Synagoge gehen sollte, erstens, um dem Gottesdienst beizuwohnen, und zweitens, um zu erfahren, wie es den anderen Gemeindemitgliedern ergangen war. Ich brach auf. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, auch waren noch nicht sehr viele Männer da. In der Mitte der Synagoge aber stand der siebenundsiebzigjährige Abraham Kirchheimer, ein tief religiöser Mann. Die Arme zum Himmel erhoben, rief er: "Gott, oh Gott, warum hast du uns verlassen?" Ich werde den Anblick niemals vergessen. Die verzweifelte Klage rührte allen Anwesenden ans Herz. Auch Kirchheimers Sohn, jener Simon Kirchheimer, den mein Vater vor dem Rathaus getroffen hatte, ein Veteran des Ersten Weltkriegs und ebenso guter Sohn wie selbst Familienvater, war ja geprügelt und mißhandelt worden - wie andere Mitglieder unserer Gemeinde. "Gott, oh Gott, wie kannst du das zulassen?" Eine Welt, eine gute Welt voller Nächstenliebe, Tradition, Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Glaubensbereitschaft war an diesem Morgen erschüttert worden in der kleinen jüdischen Gemeinde von Niederstetten. Und die Erschütterung ging bis auf den Grund.

    Das Dritte Reich hatte seinen triumphalen Einzug gehalten. Bis ans Ende meiner Tage wird mir der 25. März 1933 im Gedächtnis bleiben. Auch die christliche Bevölkerung war schockiert, nur wagte niemand etwas zu sagen oder der wilden Horde offen Widerstand zu leisten. Angst, Mißtrauen und Schweigen fielen wie ein dunkler Vorhang über das Städtchen und verließen es nicht mehr, bis das ganze Regime schließlich zusammenstürzte.

    Niederstetten hatte eine von der Gemeinde angestellte Krankenschwester, eine Diakonissin der evangelischen Kirche [Emma Deininger]. Sie kam noch am Samstagnachmittag zu uns und sagte, daß Pastor Umfrid sie geschickt hätte, der herzlichen Anteil an unserem Schicksal nähme. Wenn sie oder er irgend etwas für uns tun könnten, sollten wir es sie nur wissen lassen. - In den folgenden Tagen führte ihr Weg sie noch öfter zu uns, und dank ihrer Mithilfe und Pflege wurde mein Vater bald wieder halbwegs gesund.

    Bis zum Abend des traurigen Samstags wußte die ganze jüdische Gemeinde, was passiert war, und jeder kannte die Leidensgeschichte der betroffenen Männer, die aus unersichtlichen Gründen "ausgewählt" und so schrecklich mißhandelt worden waren. Zu denen, die man verschont hatte, gehörten übrigens die Kunden der Thomasschen Bäckerei.3

    Mein Vater gab später zu, daß er vor der drohenden Aktion gewarnt worden war. Er hätte Niederstetten verlassen können, entschied sich aber zu bleiben und seine Gemeinde nicht im Stich zu lassen. Jene Frau Gerlinger, Inhaberin des Hotels zur Post, hatte ihn am Freitagnachmittag über die geplante Razzia informiert, weshalb Vater am Abend, als wir die Familie Neuburger besuchten, so nervös gewesen war. - Ein Jude aus Niederstetten hatte auf Frau Gerlingers Rat hin tatsächlich vom Freitag bis Sonntag im Hotel zur Post "gewohnt" und sich die ganze Zeit über in seinem Zimmer aufgehalten. Sie brachte ihm die Mahlzeiten und sorgte auch dafür, daß er sicher aus der Stadt entkommen konnte.

    [Nach Niederstetten kamen Creglingen, Weikersheim und Bad Mergentheim an die Reihe.]

    Inzwischen war - niemand wußte durch wen - die Meldung über die Brutalitäten bis zur Regierung in Stuttgart gedrungen, und dort erteilte man alsbald Befehl, die Aktion zu stoppen. Später wurde erzählt, daß die sofortige Beendigung des Massakers dem stellvertretenden Reichsstatthalter Dill4 zu verdanken war, der ursprünglich aus Niederstetten kam.
    ---
    1 Bereits vorher hatte es eine Hausdurchsuchung durch den Ortspolizisten Johannes Dodel gegeben, siehe: Stern, So war es, S. 44.
    2 Die Durchsuchungsaktionen erfolgten auf Grund eines Erlasses des Polizeikommisars für das Land Württemberg vom 19. März 1933 über den Waffeinzug, veröffentlicht im Staatsanzeiger für Württemberg Nr. 65 vom 18. März 1933 (siehe Behr/Rupp, Vom Leben und Sterben, S. 184).
    3 Fritz Thomas, Ortsgruppenleiter der NSDAP, war Bäcker.
    4 Dr. jur. Gottlob Dill (1885-1968), Jurist, württembergischer Ministerialbeamter und SS-Oberführer.

    (Bruno Stern: So war es. Leben und Schicksal eines jüdischen Emigranten. Eine Autobiographie. Aus d. Engl. übers. von Ursula Michels-Wenz. Bearb. von Gerhard Taddey. Sigmaringen: Thorbecke 1985, S. 46-49)

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.