Hermann Umfrid

Hermann Umfrid

  • 1. März 1934. Dem Andenken des sel. Stadtpfarrers Umfrid

    Dem Andenken des sel. Stadtpfarrers Umfrid
    in aufrichtiger Verehrung gewidmet.

    Von Kaisersbach im Welzheimer Wald
    Kam ein Mann zu uns, einfach die Gestalt.
    Er verkündigte uns ganz schlicht und rein;
    Er wolle unser Pfarrer sein,

    Er wolle in Schlichtheit mit uns leben
    Und doch stets nach hohen Dingen streben,
    Er wolle mit uns teilen Leid und Freud
    Und beistehen uns zu jeder Zeit.

    Zur edlen Tat ward edles Wort,
    Vier Jahre wirkte er hier im Ort,
    Er lehrte seinen Schülern klein;
    Nicht Pfarrer sagt, ich will Arbeiter sein.

    Arbeiter war er in Gottes Garten,
    Tat seines Gottes Pflanzen warten.
    Kein Pflänzlein litt! – Es war sein Willen
    All jedes Menschen Not zu stillen.

    Den Hungrigen stand sein Tisch bereit.
    Dem Dürftigen gab er sein eigenes Kleid.
    Und reichte das Geld nicht zur Miete den Armen,
    Mit dem letzten Pfennig zeigte er sein Erbarmen.

    War ein Jüngling um Eltern u. Heimat gekommen,
    In seiner Familie ward auf er genommen,
    Ward‘ monatelang versorgt und betreut
    Wie gerne wird er denken der schönen Zeit.

    Mit seiner Violine, seines Liedes Klang,
    Einsamen und Kranken ins Herz er sang.
    Und mancher Kummer flog hinaus,
    Trat seine Fröhlichkeit ins Haus.

    So hat er geholfen, bald da – bald dort
    Trotz wenig Verständnis an manchem Ort.
    Auch blieb ihm der herbe Schmerz nicht erspart,
    Daß mißverstanden ward seine Art.

    Des Reichskanzlers Wort zu erfüllen war seine Lust,
    »Gemeinnutz gehet vor Eigennutz«.
    So war er stets ein kämpfender Christ
    Und war ein echter Nationalsozialist.

    Er lebte sein Christentum durch und durch
    Und hat gepredigt stets ohne Furcht.
    Sein Leben war so edel und rein.
    Sein Auge strahlte göttlichen Widerschein.

    Nun ist er durch schwere Krankheit von uns genommen.
    Gebe Gott, daß wir innerlich weiter kommen.
    Wir wollen ihn in allen unseren Tagen
    Als edles Vorbild in uns tragen.

    Schw[ester] E[mma] D[eininger]

    Der Franke, Nr. 50, 1. 3. 1934

  • 10. Februar 1934. Danksagung Hermann Umfrid

    Der Franke, Nr. 35, 12. 2. 1934

  • 10. Mai 1932. Abendmusik des evangelischen Kirchenchors

    * Niederstetten, 10. Mai. Am Sonntag, 1. Mai, lud der evang. Kirchenchor zu einer geistlichen Abendmusik ein. Diese brachte eine Anzahl von Werken für Chor oder Instrumente von J. S. Bach und seinen Zeitgenossen bezw. Vorläufern. Es bedeutet zwar kein Entgegenkommen an den vielerorts noch herrschenden Zeitgeschmack, wenn man einen Abend nur mit alter Musik ausfüllt. Aber beim Chor spürte man doch deutlich, wie er mit innerer Wärme und Begeisterung sich dieser Musik hingab, und auch die Zuhörer empfanden etwas von der Kraft und Schönheit, die in den Werken dieser alten Musik steckt. Im Mittelpunkt stand das erst im Vorjahr wieder dem Staub der Lübecker Stadtbibliothek und damit der Vergessenheit entrissene, aber neu in deutscher Fassung herausgegebene Werk Dietrich Buxtehudes: „Lobet, Christen, euren Heiland“, eine Cantate für Chor, 2 Violinstimmen und Orgelbegleitung. Statt der herben und schweren Musik, wie wir sie sonst aus jener Zeit gewohnt sind, tritt uns hier eine außerordentlich lebendige und bewegte, ja liebliche Stimmführung entgegen. die durch die beigegebene Instrumentalbegleitung zu besonderer [?] Wirkung kam. Von den übrigen Chören sei besonders genannt [?] „Hinunter ist der Sonnenstein“ von Vulgius gedacht [?]. Das E moll-Konzert von J. S. Bach wurde von zwei Violinen und Orgel unter Weglassung des letzten Allegros dargeboten. Diese Musik ist freilich schwer verständlich und findet nicht leicht den Weg zu den Herzen des Hörers. Es ist [?] das dritte Mal in kurzer Zeit, daß wir in dieser Besetzung eine musikalische Feierstunde in unserer Kirche erleben durften. Dadurch ist uns der Weg zum Verständnis dieser Musik sehr erleichtert. Der Leiter des Abends, Herr Oberlehrer Wahl, spielte u. a. Präludium und Fuge in d-m. von J. S. Bach. auf der Orgel und zeigte sich dabei als Meister auf diesem Instrument. Der Abend war durch die Zusammenarbeit einigermusikalischer Kräfte aus Niederstetten und der Nachbarschaft, und zwar die Herren Oberlehrer Wahl, Stadtpfarrer Umfrid, Hauptlehrer Hauf und Hauptlehrer Ganzenmüller möglich geworden. Möge die innere Befriedigung darüber, der Gemeinde eine solch schöne Stunde musikalischer Andacht gebracht zu haben, dem Leiter des Abends und seinen Helfern sowie den Sängern und Sängerinnen der beste Dank sein!
    [Text teilweise nicht sicher lesbar]

    (Vaterlandsfreund, Nr. 108, 11. 5. 1932)

  • 21. Januar 1934. Todesanzeige Hermann Umfrid

    Der Franke, Nr. 18, 23. 1. 1934

  • 27. April 1931. Konzert in der St. Jakobskirche

    () Niederstetten, 27. April. Das mit der Einweihung der neuen Orgel in der evangelischen Stadtpfarrkirche zu Sankt Jakob verbundene Kirchenkonzert hatte die Kirche mit einer ganz großen Anzahl von Zuhörern bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Interesse an den in Aussicht stehenden künstlerischen Genüssen hat auch recht viele Fremde hierhergeführt. — Einige Worte über die Orgel als Musikinstrument der Kirche. Das Alter der Orgel ist unbekannt. Jedenfalls geht ihr Ursprung auf verschiedene ähnlich geartete Instrumente des Altertums zurück. Die erste Orgel in ihrer heutigen Form wurde im Jahre 1312 durch einen Deutschen in Venedig erbaut. Lange war sie als Instrument zu kostbar, um allgemein verwendet zu werden. Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde ihr Gebrauch allgemeiner. Der Orgel in ihrer heutigen Gestalt und Einrichtung gebührt die Anerkennung, daß sie das größte und volltönendste aller Instrumente ist. Es ist daher auch zu verstehen, daß eine große Reihe klassischer Schöpfungen für Orgel aus der Geschichte der Musik hervorragen. — Die Vortragsfolge des Kirchenkonzertes unterscheidet zwei Reihen klassischer Komponisten, solche des 16. bis 17. Jahrhunderts und solche des 17. und 18. Jahrhunderts. Von den ersteren ist Schütz (von einem Zeitgenossen der Vater der deutschen Musik genannt), der bekannteste und produktivste. Unter den letzteren heben sich als gleichwertig und in ihren- Kompositionen höchstwertig Bach und Händel hervor. — Für die Sopransoli war Frau Meta Sindlinger-Heilbronn gewonnen worden. Ein wirklicher Gewinn. Denn die bis in die höchsten Lagen reine und volle Stimme wurde ihrer Aufgabe in begeisternder Weise gerecht. Frau Sindlinger sang geistliche Lieder und Arien von Bach und Händel. Der Kirchenchor trug Bach, Schein, Rosenmüller und Schütz vor. Der Choral wirkt besonders im Chor leicht starr und eintönig. Es ist Aufgabe der Sänger, der Komposition Leben einzuhauchen und das war das durch den ev. Kirchenchor unter seinem Dirigenten Herrn Oberlehrer Wahl überzeugend erreichte Ziel. Dabei war die Sprache klar und deutlich, das Einsetzen der Stimmen und die Tonhaltung ohne Tadel. — Der Vortrag der Kompositionen für Orgel war Herrn Studienrat Roos-Heilbronn übertragen. Er beherrschte das Instrument meisterhaft und verstand es, die Tonfülle der neuen Orgel zum Ausdruck zu bringen. Tiefen Eindruck machte auch die Komposition für Orgel (Herr Roos), 2 Violinen (die Herren Stadtpfarrer Umfried und Hauptlehrer Hauf) und Cello (Herr Oberlehrer Wahl) von Corelli. — Das Konzert fand in dem lebhaften Präludium für Orgel in G-Dur von Bach einen würdigen Abschluß. — Das in schönem Barock ausgeführte Aeußere der Orgel, der Rahmen ist mit Recht erhalten geblieben. Die ev. Gemeinde hatte ihre patriotische Pflicht erfüllt und während des Krieges ihre guten Zinnpfeifen gegen minderwertige Pfeifen ausgetauscht. Jetzt glänzt die Orgel wieder im Schmucke der in hochwertigem Material ausgeführten Pfeifen. Sowohl der Organist als auch die Gemeinde haben daran ihre Freude. Wir beglückwünschen die. Gemeinde zu dem neuen wohlgelungenen Werke.

    Vaterlandsfreund, Nr. 97, 28. 4. 1931

  • 3. Dezember 1929. Einbruchsversuch... Fortsetzung

    () Niederstetten, 3. Dez. Ein ganz großes Trauergefolge geleitete heute die irdischen Ueberreste des auf so tragische Weise um das Leben gekommenen Otto Rupp zum Grabe. Fast die ganze Bürgerschaft folgte dem Sarge, um den Leidtragenden, den Eltern u. zahlreichen Geschwistern ihre Teilnahme zu bezeugen. Die Altersgenossen bildeten eine besondere Gruppe im Trauerzuge. Nach den Trostworten des Herrn Stadtpfarrers Umfried legte ein junger Mann namens der Altersgenossen einen Kranz nieder, ein anderer junger Mann tat dasselbe namens der Freunde des Otto Rupp. Möge nun in unserer Bevölkerung, welche über den traurigen Vorfall sehr erregt war, wieder Ruhe und Frieden einkehren.

    (Vaterlandsfreund, Nr. 286, 4. 12. 1929)

  • 4. März 1930. Maskenball des Turnvereins - Geistliche Abendmusik

    () Niederstetten, 4. März. In der Turnhalle fanden die Fastnachtsveranstaltungen ihre Bekrönung durch einen Maskenball des Turnvereins, es war zugleich der Schluß. Auf der närrischen Fahnenweihe wurde geturnt und auch von den Turnerinnen ein temperamentvoller Tanz aufgeführt. Eine große Wahl wirklich schöner Masken brachte die närrische Note in den herrlich geschmückten Saal. Getanzt wurde viel und lange und in den Sekt- und Likörbuden war Gelegenheit zu beschaulicher Ruhe geboten, kein Wunder, daß die Alten den Jungen oft mit gutem Beispiel vorangingen. Alles in allem, es war sehr schön.

    () Niederstetten, 4. März. Eine ernste gesangliche und musikalische Weihestunde bot gestern nachmittag der ev. Kirchenchor unter Mitwirkung hiesiger und auswärtiger musikalischer Kräfte mit einer geistlichen Abendmusik in der evangelischen Stadtpfarrkirche zu St. Jakob. Es ist fast selbstverständlich, daß der Klassiker der Kirchenmusik und besonders der Orgel, Johann Sebastian Bach einen hervorragenden Platz eingeräumt erhielt und daß mit ihm (Organo pleno Es-Dur) das Programm eingeleitet wurde. Auch im geistlichen Lied war Bach vertreten. Das Streichquartett spielte Mozart (Ave verum) und Corelli (Adagio). Der Kirchenchor sang geistliche Kompositionen verschiedener Klassiker. Der evangelische Kirchenchor unter Leitung des Herrn Oberlehrer Wahl zeigte sich von. seiner besten Seite. Harmonischer Zusammenklang der Stimmen, verbunden mit Stimmfestigkeit und guter Aussprache verhalfen ihm zu einem m a Erfolg. Die Instrumentalmusik wurde von den Herren Oberlehrer Wahl (Orgel), Stadtpfarrer Umfried-Niederstetten, Hauptlehrer Hauff-Herrenzimmern und Hauptlehrer Eßlinger-Adolzhausen vorgetragen — ohne zu übertreiben — meisterhaft. Gesang und Instrumentalmusik hinterließen eine tiefe Wirkung auf die Zuhörerschaft.

    Vaterlandsfreund, Nr. 53, 5. 3. 1930

  • 8. November 1929. Sommerschafweide. Gemeinderäte Gottlob Baumann, Ludwig Ziegel, Friedrich Kießecker. Pfarrer Umfrid

    () Niederstetten, 8. Nov. Die Verpachtung der Sommerschafweide ist nun doch erfolgt und zwar haben sich die Gebote wesentlich gebessert. Die Sommerweide bringt der Stadt jetzt 1500 M. Mit Rücksicht auf die niederen Wollenpreise und die niederen Preise des Schafviehs ist dies noch ein recht schöner Preis. — In der heutigen Gemeinderatssitzung fand die Einführung des Herrn Gemeinderates Gottlob Baumann statt, welcher an Stelle des verstorbenen Herrn Gemeinderates Ziegel in den Gemeinderat eintritt. Herr Stadtschultheiß Schroth sprach Herrn Kaufmann und Gemeinderat Kießecker die Glückwünsche des Gemeinderats zu dessen 40jährigem Geschäftsjubiläum aus.

    () Niederstetten, 8. Nov. Am Mittwoch traf hier aus Kaisersbach der neuernannte Herr Stadtpfarrer Umfried ein. Im Pfarrhof fand eine herzliche Begrüßung des Geistlichen seitens der evang. Gemeinde statt. Die Amtseinsetzung des Herrn Stadtpfarrer Umfried findet am kommenden Sonntag vormittags 10 Uhr in der Stadtpfarrkirche zu St. Jakob statt. An die Amtseinsetzung schließt sich ein Festessen im Gasthof zur Post an.

    Vaterlandsfreund, Nr. 265, 9. 11. 1929

  • Bruno Stern in seiner Autobiographie (1985)

    Ich kam gegen Abend [des 24. März 1933] aus Würzburg [in Niederstetten] an. Nach dem gemeinsamen Essen mit meinen Eltern machten wir alle drei noch einen Besuch bei Familie Neuburger, jüdischen Freunden, mit denen wir sehr gut standen. Während des Gesprächs bemerkte Frau Neuburger, daß mein Vater überaus nervös war, und fragte ihn offen: "Herr Stern, was ist mit Ihnen, warum sind Sie so unruhig?" Er gab aber nur zur Antwort, es sei nichts - und wir kümmerten uns nicht weiter darum. Es war noch nicht allzu spät, als wir uns auf den Heimweg begaben. Die Straßen lagen still im Dunkeln. Im Rathaus aber sahen wir Licht brennen. Wir wunderten uns darüber und überlegten, wer um diese Uhrzeit noch dort arbeiten könnte. Wenig später gingen wir schlafen

    Am anderen Morgen ganz früh - es war Samstag, der 25. März - wurde ich durch den Lärm schwerer Lastwagen, die durch die Straßen rumpelten, und das Gröhlen antisemitischer Lieder geweckt. Gleich darauf klingelte es an unserer Tür. Wir hatten noch eine jener altmodischen Zugglocken, an denen man draußen zog, worauf oben im Treppenhaus die Glocke durch alle Räume tönte. - Vater kam an meine Tür: "Bruno, steh auf! Sie sind da!" Er brauchte mir nicht zu sagen, wer "sie" waren. Dann ging er hinunter, um zu öffnen. Herein traten zwei Sturmtruppführer der SA in ihren braunen Uniformen mit Pistolen im Gürtel und ein Mann von der Staatspolizei. Sie stiegen die Treppe hoch und erklärten uns, daß das Haus noch einmal1 durchsucht werden müßte nach Schußwaffen, staatsfeindlicher Literatur und sonstigen Unterlagen, die Deutschland schaden könnten. Einen Durchsuchungsbefehl hatten sie nicht vorzuweisen, auch kein anderes amtliches Ausweispapier - das war inzwischen nicht mehr nötig.2 Sie durchwühlten nun das Haus vom Keller bis zum Dachboden und sahen sogar in den Geldschrank des hinteren Ladenraumes. Aber entdecken konnten sie nichts. Erst als sie ins Wohnzimmer zurückkamen, fiel ihnen an der Wand ein Bild ins Auge, das Walther Rathenau darstellte, den jüdischen Staatsmann, der 1922 von Rechtsextremisten ermordet worden war. Sie nahmen das Gemälde herunter und forderten meinen Vater auf, sich fertig zu machen, um mit ihnen aufs Rathaus zu kommen. Dabei sahen sie auch zu mir herüber und flüsterten miteinander. Der Gestapo-Mann wies mich in einen Nebenraum, folgte mir nach und schloß die Tür hinter uns. Daraufhin nahm er seine Pistole heraus und richtete sie auf mich. Ich sah wie erstarrt auf den Lauf, der, nur ein paar Zentimeter entfernt, unverändert auf mich gerichtet blieb. Der Mann herrschte mich an: "Sie sind ein Kommunist! Geben sie’s zu!" Es klang wie ein Befehl. Was sollte ich darauf antworten? Ich war immer unpolitisch gewesen und niemals ein Kommunist, ja nicht einmal ein Sozialist. Auf die Pistolenmündung fixiert, versuchte ich, trotz des Aufruhrs in meinem Inneren, einen klaren Kopf zu behalten, und erklärte wahrheitsgemäß, daß ich weder Kommunist war, noch dem Kommunismus nahe stand, da ich einer studentischen Verbindung angehörte und diese bekanntlich keine sonderlich enge Freundschaft mit den Linken pflegten. Aus irgend einem Grund schien ihn das zufriedenzustellen. Er ging zurück ins Wohnzimmer. Mittlerweile war mein Vater ausgehbereit und folgte den beiden SA-Leuten und dem Gestapo-Mann zum Rathaus. Draußen schloß sich ihnen noch ein vierter Bewachungssoldat an, der so lange auf der Straße gewartet und das Haus "unter Kontrolle" gehalten hatte.

    Es war nun etwa sechs Uhr morgens. Kurz vorher war der Bürgermeister von Niederstetten [Jakob Schroth] auf dem Weg zum Bahnhof durch unsere Straße gegangen (er fuhr an diesem Morgen zum Sitz der Kreisverwaltung). Wir fragten uns, nachdem wir davon erfuhren, ob er gewußt hatte, was bei uns vorging. Später sagte jemand, daß die lokalen Parteiführer ihn an diesem Tag absichtlich weggeschickt hätten. Auf den Straßen waren zu dieser Zeit keine Zivilpassanten unterwegs, auch sah niemand aus dem Fenster - wahrscheinlich aber standen viele hinter dem Vorhang, um alles zu beobachten, und mancher wird sich wohl gewundert haben, was die Nazis bei uns suchten. Nur SA-Leute liefen überall herum. Die meisten von ihnen waren für diese "Polizeiaktion" von außerhalb eingesetzt worden, kamen also aus anderen Ortschaften. Aber ab und zu konnte man auch ein bekanntes Gesicht unter ihnen entdecken.

    Der Uhrzeiger rückte vorwärts. Mutter und ich mußten befürchten, daß die Gerüchte, die wir neuerdings immer öfter gehört hatten, doch der Wahrheit entsprachen. Was nur sollten wir machen? Zwei Häuser weiter wohnte der Tierarzt von Niederstetten, der im Ruf stand, dem rechten Flügel anzugehören [Hermann Eyßer, stv. Ortsgruppenleiter der NSDAP]. Mama konnte einfach nicht tatenlos warten. Wir beschlossen, daß sie durch Keller und Hintergärten den Nachbarn zu erreichen versuchen und ihn um Hilfe bitten sollte. Vielleicht würde er sogar im Rathaus vorsprechen? Gesagt, getan. Der Tierarzt hörte sich alles an und tröstete meine Mutter erst einmal: sie solle sich keine Sorgen machen, ihrem Mann würde schon nichts passieren. Zum Rathaus, das von SA-Leuten umringt war, konnte er nicht gehen. Niemand hätte das gekonnt.

    So kam Mutter wieder heim, und wir warteten und warteten. Es waren die längsten Stunden unseres Lebens. Frieda [ ], unser christliches Hausmädchen, war bei uns. - Um 8.30 Uhr ungefähr kam Vater zurück, aber nur, um schnell eine Tasse Kaffee zu trinken. Er mußte gleich wieder weg. Auf die Frage meiner Mutter, ob man ihm etwas angetan hätte, antwortete er: "Nein." Dann stand er schon auf, ging langsam die Treppe hinunter und zurück ins Rathaus. Dort angekommen, traf er auf den Stufen zum Eingang Simon Kirchheimer, der das Gebäude gerade verließ und fragte: "Was tun Sie denn hier? Sie können doch nach Hause gehen!" In seiner Aufregung hatte mein Vater tatsächlich die Anweisungen falsch verstanden. Erleichtert schloß er sich nun Kirchheimer an, der sofort weiterfragte: "Haben Sie auch was abgekriegt?", worauf mein Vater nur mit einem Haggadah-Wort antwortete: "Dayenu" (Es war genug). Obwohl er selbst mißhandelt worden war, konnte Simon Kirchheimer nicht glauben, daß man Hand an Max Stern gelegt hatte.

    Als Vater nun wieder zu Hause war, bat er Mutter, ihm beim Auskleiden behilflich zu sein. Er wollte sich etwas hinlegen, aber nicht in sein Bett - das stünde zu nahe am Fenster. Von draußen hörten wir abermals die vorbeirumpelnden Lastwagen und das Gröhlen der SA-Leute, diesmal verlor sich der Lärm in die entgegengesetzte Richtung: die Sturmtrupps zogen ab. Dann vernahm ich unterdrücktes Weinen aus dem Schlafzimmer. Mutter hatte entdeckt, daß Vater aufs grausamste geprügelt worden war. Sein Rücken zeigte nicht das kleinste Fleckchen heiler Haut mehr. Nach der Ankunft im Rathaus hatten sich mein Vater und zehn weitere Juden mit dem Gesicht zur Wand aufstellen und stillhalten müssen. Dann wurden sie, einer nach dem andern, aufgerufen und einzeln in einen Nebenraum kommandiert. Dort warf man meinem Vater alle Arten von erlogenen Anschuldigungen entgegen, zog ihm die Jacke aus, stopfte ihm ein Taschentuch in den Mund, damit er nicht schreien konnte, und befahl ihm, sich vornüber zu beugen, woraufhin vier Männer unbarmherzig mit Stahlpeitschen auf ihn einschlugen.

    Es gibt keine Worte, unsere Gedanken und Empfindungen in diesem Moment zu beschreiben. Wären wir selbst durchgepeitscht worden, es hätte uns nicht mehr schmerzen können. Vater lag still auf der Liege, kein Wort der Anklage kam über seine Lippen, kein Wort des Schmerzes, kein einziges Wort... Wir beschlossen, Dr. Heller, unseren langjährigen Hausarzt, zu rufen. Einen jüdischen Arzt gab es nicht mehr in Niederstetten. Frau Heller war Leiterin der NS-Frauengruppe, weshalb wir anfangs Zweifel hegten, ob ihr Mann, da die Umstände sich derart zugespitzt hatten, noch in unsere Wohnung kommen würde. Aber er kam - und gab meinem Vater die bestmögliche ärztliche Behandlung. Meine Mutter fragte ihn: "Herr Doktor, warum nur haben sie meinen Mann so zugerichtet, gerade ihn, der nie jemandem etwas zuleide getan hat?" Der Arzt wußte nichts darauf zu sagen als: "Frau Stern, wir leben in einer hochpolitischen Zeit."

    Als Dr. Heller uns verließ, war es etwa 9.30 Uhr. Mutter und ich überlegten, ob ich nicht in die Synagoge gehen sollte, erstens, um dem Gottesdienst beizuwohnen, und zweitens, um zu erfahren, wie es den anderen Gemeindemitgliedern ergangen war. Ich brach auf. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, auch waren noch nicht sehr viele Männer da. In der Mitte der Synagoge aber stand der siebenundsiebzigjährige Abraham Kirchheimer, ein tief religiöser Mann. Die Arme zum Himmel erhoben, rief er: "Gott, oh Gott, warum hast du uns verlassen?" Ich werde den Anblick niemals vergessen. Die verzweifelte Klage rührte allen Anwesenden ans Herz. Auch Kirchheimers Sohn, jener Simon Kirchheimer, den mein Vater vor dem Rathaus getroffen hatte, ein Veteran des Ersten Weltkriegs und ebenso guter Sohn wie selbst Familienvater, war ja geprügelt und mißhandelt worden - wie andere Mitglieder unserer Gemeinde. "Gott, oh Gott, wie kannst du das zulassen?" Eine Welt, eine gute Welt voller Nächstenliebe, Tradition, Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Glaubensbereitschaft war an diesem Morgen erschüttert worden in der kleinen jüdischen Gemeinde von Niederstetten. Und die Erschütterung ging bis auf den Grund.

    Das Dritte Reich hatte seinen triumphalen Einzug gehalten. Bis ans Ende meiner Tage wird mir der 25. März 1933 im Gedächtnis bleiben. Auch die christliche Bevölkerung war schockiert, nur wagte niemand etwas zu sagen oder der wilden Horde offen Widerstand zu leisten. Angst, Mißtrauen und Schweigen fielen wie ein dunkler Vorhang über das Städtchen und verließen es nicht mehr, bis das ganze Regime schließlich zusammenstürzte.

    Niederstetten hatte eine von der Gemeinde angestellte Krankenschwester, eine Diakonissin der evangelischen Kirche [Emma Deininger]. Sie kam noch am Samstagnachmittag zu uns und sagte, daß Pastor Umfrid sie geschickt hätte, der herzlichen Anteil an unserem Schicksal nähme. Wenn sie oder er irgend etwas für uns tun könnten, sollten wir es sie nur wissen lassen. - In den folgenden Tagen führte ihr Weg sie noch öfter zu uns, und dank ihrer Mithilfe und Pflege wurde mein Vater bald wieder halbwegs gesund.

    Bis zum Abend des traurigen Samstags wußte die ganze jüdische Gemeinde, was passiert war, und jeder kannte die Leidensgeschichte der betroffenen Männer, die aus unersichtlichen Gründen "ausgewählt" und so schrecklich mißhandelt worden waren. Zu denen, die man verschont hatte, gehörten übrigens die Kunden der Thomasschen Bäckerei.3

    Mein Vater gab später zu, daß er vor der drohenden Aktion gewarnt worden war. Er hätte Niederstetten verlassen können, entschied sich aber zu bleiben und seine Gemeinde nicht im Stich zu lassen. Jene Frau Gerlinger, Inhaberin des Hotels zur Post, hatte ihn am Freitagnachmittag über die geplante Razzia informiert, weshalb Vater am Abend, als wir die Familie Neuburger besuchten, so nervös gewesen war. - Ein Jude aus Niederstetten hatte auf Frau Gerlingers Rat hin tatsächlich vom Freitag bis Sonntag im Hotel zur Post "gewohnt" und sich die ganze Zeit über in seinem Zimmer aufgehalten. Sie brachte ihm die Mahlzeiten und sorgte auch dafür, daß er sicher aus der Stadt entkommen konnte.

    [Nach Niederstetten kamen Creglingen, Weikersheim und Bad Mergentheim an die Reihe.]

    Inzwischen war - niemand wußte durch wen - die Meldung über die Brutalitäten bis zur Regierung in Stuttgart gedrungen, und dort erteilte man alsbald Befehl, die Aktion zu stoppen. Später wurde erzählt, daß die sofortige Beendigung des Massakers dem stellvertretenden Reichsstatthalter Dill4 zu verdanken war, der ursprünglich aus Niederstetten kam.
    ---
    1 Bereits vorher hatte es eine Hausdurchsuchung durch den Ortspolizisten Johannes Dodel gegeben, siehe: Stern, So war es, S. 44.
    2 Die Durchsuchungsaktionen erfolgten auf Grund eines Erlasses des Polizeikommisars für das Land Württemberg vom 19. März 1933 über den Waffeinzug, veröffentlicht im Staatsanzeiger für Württemberg Nr. 65 vom 18. März 1933 (siehe Behr/Rupp, Vom Leben und Sterben, S. 184).
    3 Fritz Thomas, Ortsgruppenleiter der NSDAP, war Bäcker.
    4 Dr. jur. Gottlob Dill (1885-1968), Jurist, württembergischer Ministerialbeamter und SS-Oberführer.

    (Bruno Stern: So war es. Leben und Schicksal eines jüdischen Emigranten. Eine Autobiographie. Aus d. Engl. übers. von Ursula Michels-Wenz. Bearb. von Gerhard Taddey. Sigmaringen: Thorbecke 1985, S. 46-49)

  • Heller, Dr. med. Siegmund

    Staatsarchiv Ludwigsburg, Spruchkammerakten (EL 902/16 Bü 1092)

    Behandelte Stadtpfarrer Hermann Umfrid nach dessen Selbstmordversuch am 20. Januar 1934 (Patientenakte Hermann Umfrid, Bürgerhospital Stuttgart)


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