Erste Reaktion zur Neuerscheinung über Hermann Umfrid

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18 Jan. 2026 10:26 - 18 Jan. 2026 10:33 #1 von atminn
Nach mehreren Jahren immer wieder unterbrochener Arbeit konnte endlich die 700-seitige Umfrid-Dokumentation Mitte Januar 2026 gedruckt vorgelegt werden. Kaum hatten die "Fränkischen Nachrichten" darüber berichtet (15. Januar 2026), erschien schon zwei Tage später (17. Januar 2026) ein Leserbrief von einem früheren Niederstettener Zahnarzt und Mitglied des Tacheles-Kreises, der anscheinend sein historisches Halbwissen aus der Heimatzeitung bezieht. Schuster, bleib bei deinen Leisten, möchte man diesem autodidaktischen "Fachmann" zur Heimatgeschichte zurufen. 
Daß ich mich mit dem Thema Hermann Umfrid beschäftigt habe, hat mehrere Gründe, von denen ich drei Irritationen nennen möchte. 
1. Als man mir irgendwann erzählte, die ev. Kirche habe Umfrids Witwe mit den vier unmündigen Kindern finanziell nicht unterstützt, fand ich dies so empörend, daß ich mich vergewissern wollte, deshalb nach Stuttgart ins Landeskirchliche Archiv fuhr und mir Umfrids Personalakte vorlegen ließ. Ergebnis: Ein frei erfundenes Märchen, nichts davon ist wahr, die Hinterbliebenenrente für die Ehefrau und die Kinder sind auch in ihrer Höhe genau dokumentiert. 
2. Im Jahrbuch des Historischen Vereins für Württemberg Franken, Jahrgang 1981/82, berichtet Umfrids Witwe in aller Naivität ausführlich folgendes Ereignis: Hermann Umfrid habe (von sich aus, ohne Not, ohne von irgend jemandem dazu gedrängt worden zu sein) einen "fanatischen Judenhasser" (diese Bezeichnung stammt wörtlich von ihr) zu einem Vortrag nach Niederstetten eingeladen und diesem Judenhasser großzügig ein Podium für dessen Hetzrede geboten. Handelt so ein angeblicher Judenfreund? – Merkwürdig, daß diese Mitteilung bis heute offenbar niemanden irritiert hat. 
3. Im Förderantrag für den Umfrid-Gedenkpfad an das LEADER-Projekt heißt es, Umfrid sei in Niederstetten gestorben – so auch heute noch die falsche Angabe in der Wikipedia. Wieder fuhr ich nach Stuttgart, diesmal ins Stadtarchiv, und ließ mir die Sterbeurkunde vorlegen. Auch in diesem Fall eine Luftnummer: Gestorben ist Umfrid nicht in Niederstetten, sondern im Stuttgarter Bürgerhospital. Seine Krankenakte habe ich inzwischen gefunden, habe mir dazu ein ärztliches Gutachten erstellen lassen und eine Überraschung erlebt. 
Diese und andere Merkwürdigkeiten, über die in den "Fränkischen Nachrichten" nichts zu lesen war, waren es, die meine Neugierde geweckt hatten, nur wollte ich nicht noch einen weiteren klugen Aufsatz zu den vorliegenden klugen Aufsätzen schreiben. Mir geht es nicht um Ortsgeschwätz, sondern um belastbare Fakten, wie ich es von meiner beruflichen Tätigkeit und meinen wissenschaftlichen Studien und Arbeiten zu Heinrich von Kleist her gewohnt bin. 
Die Aktenbestände ließ ich mir bei mehreren Besuchen im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart und im Staatsarchiv Ludwigsburg vorlegen. Sämtliche Dokumente habe ich vollständig transkribiert, sie sind Kernbestand meines Buches. Wer wissen will, muß keine Legenden mehr weitererzählen, er kann nachlesen, was Sache war. Den früheren Zahnarzt und Mitglied des Tacheles-Kreises hatte ich übrigens bereits im Januar 2019 in einem ausführlichen Brief auf die Problemlage bei Umfrid hingewiesen. 
Um meine Einschätzung unwissenschaftlich-pauschal auf eine Formel zu bringen: Für mich ist Umfrid ein Antisemit (Antijudaist, wie es beschönigend im kirchlichen Umfeld heißt), er war Anhänger einer völkisch-nordisch-arischen Religiosität, die im Gegensatz stand zur ev. Landeskirche, er hat die örtlichen Nazis gefördert, er litt, wie übrigens auch mehrere seiner Verwandten (Großvater, Vater, Schwestern), an psychischen Problemen. Sein Selbstmordversuch war nicht tödlich. Es sieht danach aus, als habe jemand nachgeholfen (Euthanasie). 
Ja, und er hat gegen die Mißhandlungen der Juden vom 25. März 1933 gepredigt, das soll nicht kleingeredet werden. Wer aber seinen Predigttext vom 26. März 1933 genau liest, wird darin keine ausgewiesene Judenfreundlichkeit finden.
Wer meint also, er müsse Umfrid zum moralischen Zeigefinger für unsere heutige Zeit machen, der soll bitte nichts unterschlagen. Es gibt im Leben nicht nur schwarz und weiß – es gibt viele Zwischentöne. Geschichtsklitterung, auch aus vermeintlich moralisch guten Gründen, ist für mich inakzeptabel. Du sollst nicht lügen, so heißt es in den Zehn Geboten. Auch das Unterschlagen von Fakten ist Lüge.
Mehr dazu in meinem Buch.
Letzte Änderung: 18 Jan. 2026 10:33 von atminn.
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